Digital Film Camp 2012, Berlin
Crowdfunding ist in Europa gelandet – wie üblich, bei allem was digital und internetzig ist, mit einigen Jahren Verspätung im Vergleich zu Nordamerika, aber es ist jetzt hier. Das ist das wichtigste Fazit des Digital Film Camp 2012 in Berlin, das am 14. und 15. Februar in der HomeBaseLounge stattfand.
Ich denke – und mein Eindruck war, das ging den anderen Teilnehmern des Camps auch so-, dass Crowdfunding nicht nur ein kurzer Zwischenstopp sein wird, sondern den Beginn der zweiten Phase der Digitalisierung der Filmbranche markiert: Die Digitalisierung der Produktionsprozesse ist weitestgehend abgeschlossen und zur Normalität geworden. Jetzt werden die partizipativen Strukturen des sozialen Netzes die Finanzierung und Vermarktung von Filmen nachhaltig verändern. Damit fängt der Spaß richtig an, denn wo das Geld ist, ist bekanntlich auch die Macht! Oder um es mit Gregory Vincent, Gründer von Sponsume zu sagen:
“Crowdfunding challenges the established processes and power structures in the filmindustry. It is disruptive as it gives the public the power (and not a studioboss) to decide which films get made and which do not.”
Wohin die Reise noch gehen kann, zeigt der Vergleich mit den USA: Kickstarter hat just in dieser Woche zwei Projekte vermelden können, die mehr als – ich muss das jetzt mal ausschreiben – eine Million Dollar, also 1.000.000$ eingeworben haben. So hoch hängt die Latte nun. Nachfolgend meine Lieblingserkenntnisse von den zwei Tagen und noch ein paar nützliche Links zum Dessert.
Zahlen rund um Crowdfunding in Europa
- Nur knapp die Hälfte aller Projekte auf den diversen Crowdfunding-Plattformen sind erfolgreich.
- Die erfolgreichen erhalten fast immer mehr, als sie als Ziel angaben.
- Der durchschnittliche Unterstützer gibt phänomenale 80-90€.
- Innerhalb der ersten 10-15 Sekunden des Pledgevideos entscheiden sich potentielle Unterstützer, ob sie sich über das Projekt genauer informieren oder nicht.
- Die Bearbeitungsgebühren der Crowdfunding-Plattformen können sich mit denen von Investmentfonds messen (Gesamtgebühren für Plattform und die Zahlungsabwicklung): Kickstarter 8,5%, Indiegogo: 12%, deutsche Plattformen: 0-10%.
- Laut Wolfgang gibt es 7 Filme auf der Berlinale, die z.T. durch Crowdfunding finanziert sind.
- Man kann nie das gesamte Budget für einen Film über Crowdfunding einwerben, in den USA sind es laut Adam um die 15%. Europäische Vergleichszahlen wurden beim Camp leider nicht genannt.
- Auf dieser Seite des Atlantik sind 5.000 bis 30.000 € für ein Filmprojekt realistisch. Der Film zur Band Jazzanova hat sich ein ambitioniertes Ziel von 70.000€ gesetzt. Das soll laut Produzent Mark Dare Schmiedel ein Statement sein. Mit einer hoffentlich erfolgreichen Kampagne wollen er und das Team nachfolgenden Filmemachern diesen Weg des Crowdfundings ebenen und erleichtern.
- Matthew konnte für etwa 75% seiner Unterstützer identifizieren, wie, vor allem durch wen, die auf das Projekt aufmerksam gemacht wurden. Bei 25%, darunter einige 250$-Spenden, konnte er das nicht.
- Wer in Deutschland eine DVD als Gegenleistung für die Unterstützung anbietet, muss beachten, dass dafür 19% Märchensteuer anfallen. Grundsätzlich wies Karsten darauf hin, dass die Finanzämter noch überhaupt keinen geregelten Umgang mit Crowdfunding haben.
Tipps aus der Praxis: Eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne planen und umsetzen
- Video: Man braucht ein Video für die Kampagnen-Seite auf der Crowdfunding-Plattform.
- No Trailer: Das sollte kein Trailer sein, sondern…
- Yours truly: Die Filmemacher müssen darin höchtselbst auftreten und erklären, warum sie diesen Film machen wollen, wofür das Geld verwendet werden soll. An diesem Punkt führt kein Weg vorbei, darin waren sich beim Camp alle einig. Die Filmemacher müssen also vor die Kamera, um von der “Crowd” das Vertrauen zu erhalten, damit sie ihnen auch ihr Geld gibt.
- eine digitale Heimat: Man sollte nur auf einer Plattform sammeln, nicht auf mehreren gleichzeitig. Ein einziger Link am Ende der Nachrichten (eMail, Facebook, Twitter, Youtube etc.) führt dann die potentiellen Unterstützer auf die Kampagnen-Seite.
- Werkzeugkasten: für eine gute Kampagne – und das kann je nach Projekt angepasst und ergänzt werden:
+++ Eine gute Kampagnenseite auf einer Crowdfunding-Plattform mit Pledgevideo und regelmäßigen Updates. +++ Ein gut geschriebenes, mindestens alle 2 Tage aktualisiertes Blog. +++ Regelmäßige Video-Updates über Youtube. +++ Aktive Facebook-Seite. +++ Aktiver Twitter-Account. +++ Ggf. Pressemeldungen – diese erst versenden, wenn man schon die ersten Unterstützer bei FB, Twitter und auch Unterstützer für die Kampagne selbst hat. +++ In allen Materialien (Videos, Texte etc.) sollten die Filmemacher direkt in Erscheinung treten oder mindestens spürbar sein. - Kampagnen-Länge: Die Meinungen gingen beim Camp auseinander, was die beste Länge für eine Kampagne ist. Mir schien es am einleuchtesten, dass die Kampagnen nicht zu lang sein sollten, da alle die gleichen Phasen durchlaufen: Anfangsaktivität, gaaaaanz lange Talsohle, Endspurt, wo die meisten Gelder zusammenkommen. Adam empfohl 45 Tage.
- Der frühe Vogel…: Kennt man Leute, die einen auf jeden Fall unterstützen werden, so sollte man diese bitten, innerhalb des ersten Tages der Kampagne zu unterstützen. Wünschenswert sind 10-15 Leute innerhalb der ersten 12 Stunden, etwa 20 innerhalb des ersten Tages.
- Arbeitsaufwand: Matthew und Claudia berichteten übereinstimmend, dass sie als Hauptverantwortliche ihrer jeweiligen 75-Tage dauernden Kampagnen das Äquivalent von etwa 4-5 Wochen Vollzeiteinsatz reingesteckt haben (plus Vor- & Nachbereitungszeit und die Arbeitszeit von noch mehreren anderen Personen).
- Gaaanz viele Mails: Matthew hat vor allem eine gezielte Email-Kampagne gemacht: Innerhalb der ersten 4 Wochen alle Kontakte persönlich (nicht per Massenmail!) angeschrieben und das Projekt beschrieben. Nach etwa 2 Wochen eine Erinnerung, nach weiteren zwei Wochen nur die knappe Aufforderung, sich doch bitte zumindest den Trailer anzuschauen. Insgesamt habe er etwa 2000 Mails geschrieben.
- Transparenz: Claudia, die 8000€ für die Erstellung von vier 35mm-Filmkopien und DVDs sammelte, hat ausführlich und sehr transparent die technischen Notwendigkeiten und Kosten im Laufe ihrer Kampagne dargestellt. Besonders gut wirkte ein Video, in dem sie eines der Kinos vorstellte, in dem der Film dann laufen sollte. Das (gehaltene) Versprechen hieß, dass zwei Wochen nach erfolgreichem Abschluss der Kampagne der Film in den genannten Kinos zu sehen sei.
- Ansporn: Matthew hat 14.000€ für die Postproduktion seines Spielfilms gesammelt und die technischen Hintergründe dafür nicht genauer erklärt, da diese für Branchen-Externe zu komplex gewesen wären. Besonders gut hat bei ihm gewirkt, dass er einen privaten Investor gefunden hat, der versprach, die in der letzten Woche eingegangenen Geldzusagen um den gleichen Betrag zu ergänzen. So wussten die Unterstützer, dass ihre Spende verdoppelt würde, das war ein guter Anreiz für den Endspurt.
- Connecten: Wichtig ist, etwas zu finden für die Kampagne, dass für jeden nachvollziehbar ist. Bei Felipe waren es die 3.000€ teuren Musikrechte am Rocky-Theme. Jeder kennt es, jeder kann sich vorstellen, wie gut das in einem Film wirkt. Für das Bud-Spencer-Movie wurde für die Kosten der Tour zu den Fans gesammelt, die Macher haben ausschließlich bei den Fans übernachtet.
- Scheitern: Karsten berichtete auch von Leuten, die bei der ersten Kampagne ihr Ziel nicht erreichten, eine eingehende Fehleranalyse machten, mit diesen Fehlern offen umgingen und dann beim zweiten Anlauf das Ziel erreichten.
Wer selber noch mal nachlesen oder reinhören möchte in das Digital Film Camp 2012, der findet
- hier die Tetzmaier/Gumpellaff-Folien
- hier die Mitschrift / Live Blogging der Coaching Session für den Jazzanova-Film und die Berlin-Tourismus-Dok.
- und demnächst auch die Videoaufzeichnungen sämtlicher Sessions auf der Website des Camps
Zum Schluss noch ein DICKES Danke an die Veranstalter, Referenten und Referentinnen und das tolle Publikum, war ein sehr gelungenes Camp genau zum richtigen Zeitpunkt!
Veranstaltungen der nächsten Tage und Wochen zu Transmedia, Crowdfunding und wie das alles mit dem Filmemachen zusammenhängt
In den kommenden Wochen, vor allem während der Berlinale, finden einige Veranstaltungen zum Thema Transmedia, Crowdfunding und Themen rund um Film und Internet statt, die vielleicht für den einen oder anderen interessant sein könnten. Deshalb hier ein kurzer Überblick:
The Fragmented Future of Filmfinance, 11. Februar, Berlin
Bei dieser Podiumsdiskussion der Vereinigung Women in Film and Television geht es u.a. auch um Crowdfunding. Die Teilnahme – übrigens für Frauen und Männer! – kostet 12€ .
Indie Filmmakers Guide to Transmedia, 13. & 14. Februar, Berlin
Die Kolleginnen von Power to the Pixel und dem Berlinale Talent Campus haben zwei öffentliche Sessions zum Thema Transmedia organisiert, für die man allerdings Tickets zum Preis von jeweils 8€ über die Berlinale-Website erstehen muss. Sie finden jeweils im Hebbel am Ufer statt und stellen Fallstudien zu Transmedia-Storytelling und Crowdfunding vor.
Digital Film Camp, 14. & 15. Februar, Berlin
Bei der 7. Ausgabe des Digital Film Camps in der Home Base Lounge, mitten im Berlinale-Trubel am Potsdamer Platz, wird es vor allem um das Thema Crowdfunding für Filme gehen. Vorträge, Fallstudien und eine Coaching-Session stehen auf dem Programm und mit 60€ für zwei Tage ist das Ganze auch noch erschwinglich. Sparfüchse können bei Wolfgang Gumpelmeiers Social Film Marketing Blog auch noch 10% Rabatt auf den Eintrittspreis gewinnen.
Social Media Club, 20. Februar, Berlin
Das Februar-Treffen des Social Media Clubs steht unter dem Motto “Transmedia Storytelling – Geschichten, die das Leben schreibt”. Karten sind noch über Xing und das Medianet zu haben.
Transmedia Day, 9. März, München
Die MEDIA-Antenne München hat einen Tag zu Transmedia-Themen für Filmemacher im Literaturhaus München organisiert, der aus einem Vortrag am Vormittag und einem Workshop am Nachmittag besteht. Interessenten können sich noch bis 14.02. bei der Media-Antenne für eine oder beide Teile der Veranstaltung anmelden. Die Teilnahmegebühr für den Workshop beträgt 200€.
Transmedia Storytelling Berlin, 3. April, Berlin
Thema und Ort stehen noch nicht fest. Das letzte Treffen, an dem ich leider nicht teilnehmen konnte, fand unter der Überschrift “Von der Idee, ein Universum zu schaffen” in der C-Base in Mitte statt. Am besten den Twitterfeed abonnieren und dann bekommt Ihr die Ankündigung von Ort & Thema direkt in Eure Timeline geliefert.
Pixel Lab 2012, Juli-Oktober, Potsdam & online
Das Pixel Lab ist ein Workshop für erfahrene Filmemacher, Produzenten etc., die über einen Zeitraum von vier Monaten gemeinsam an transmedialen Projekten arbeiten. Der Workshop hat Präsenzphasen in Potsdam & London und wird dazwischen über eine moderierte online Zusammenarbeit weitergeführt. Am Ende des Prozesses können diejenigen, die an diesem Kurs mit einem konkreten Projekt teilnehmen, dieses beim Cross-Media Forum im Rahmen des London Film Festivals pitchen. Bewerbungsschluss ist der 30. März, Teilnahmegebühren variieren zwischen 1.750 und 2.000€, es gibt jedoch auch einige Stipendien zu ergattern.
Bisher noch ohne konkretes Datum sind folgende Veranstaltungen:
Social Media Filmmarketing, online, ununit.tv
In einem Google+ Hangout werden Fragen zur Vermarktung von Filmen mit Hilfe von social media diskutiert. Bitte nicht von dem “nerdigen” Google+-Format abschrecken lassen, dank Webcam hat man alle Diskussionsteilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes “auf dem Schirm” und kann prima diskutieren. Dieses online Format hat den Vorteil, dass man bei den derzeitigen Minusgraden nicht die warme Stube verlassen muss, kein Babysitter organisiert werden muss und mann nebenbei auch noch sein Abendbrot mümmeln kann. Die Sessions kann ich aus eigener Erfahrung wärmstens empfehlen.
Rundshow.TV, online, ununi.tv
Ebenfalls eine Google+ Hangout Session zu Rundshow.tv mit noch unbekanntem Datum.
Sollte ich noch eine Veranstaltung vergessen haben, würde ich mich über einen kurzen Hinweis in den Kommentaren freuen.
Youtube + Venedig + Ridley Scott = Your Film Festival – oh nö!
Da haben wir nun den Salat: Youtube veranstaltet ein Filmfestival. Ich halte das vor allem für eine PR-Veranstaltung und lobe deshalb zwei Wetten dazu aus (am Ende dieses Beitrags). Für den Gewinner / die Gewinnerin gibt’s einen Kinogutschein. Aber nun erst mal der Reihe nach…
Der überraschende Titel des Youtube-Filmfestivals: Your Film Festival. Nach dem Einreichungsschluß Ende März wählt die Firma von Ridley und Tony Scott, Scott Free Productions, 50 Kurzfilme aus, die auf einem eigenen Youtube-Kanal gezeigt werden. Die Youtube-Gucker stimmen ab und wählen die beliebtesten 10 Filme aus, die dann beim Filmfestival in Venedig auf der großen Leinwand vorgeführt werden. Dort wiederum wählt eine Jury den Gewinnerfilm. Dem Gewinner, der Gewinnerin werden dann 500.000$ Produktionsbudget von Youtube in die Hosentasche gestopft, die nicht für Drogen und schnelle Autos ausgegeben werden dürfen, sondern zweckgebunden sind für eine Produktion mit – na wem wohl? – genau, Scott Free Productions.
Ich bin Fan und große Freundin von Webfilm-Festivals, die Webcuts habe ich sogar zwei Jahre lang mitorganisiert. Genauso begeistert bin ich von den echten, den wahren Filmfestivals – im Februarregen am roten Teppich der Berlinale stehen, in Cannes dieselbe Luft atmen wie Ang Lee. Das sind große Augenblicke im Leben eines jeden Filmfans. Aber diese Kombination: Youtube + Venedig + Ridley Scott? Als ich diese Meldung las, da schrie der Filmfan in mir auf. Manchmal hilft das Schreiben, die Dinge im eigenen Kopf sortieren zu können. Das hier ist also mein eigener Versuch zu verstehen, warum ich das so falsch finde.
Was diese Kooperation für Youtube bringt.
Ganz einfach: Glamour und endlich mal als echtes Filmportal Ernst genommen werden! Raus aus der Schmuddelecke mit Katzenvideos und dicken Kindern, rein in die glamouröse Welt von Lichtschwertern und Leindwandgöttinnen. Für Youtube ist es ein genialer PR-Schachzug. Sie werden vom Filmfestival Venedig und dem Hollywood-Gladiator Ridley Scott geadelt und dürfen im venezianischen Hafenbecken mit den echten Filmemachern planschen. Venedig gehört zu der elitären Gruppe der sogenannten A-Festivals, über die wird überall berichtet – in jeder Tageszeitung, der Tagesschau, in der Gala (wegen der Leinwandgöttinenkleider), im Radio und das in mindestens allen westlichen Ländern. Stellen Sie sich doch mal die Berichterstattung über das Your Film Festival ohne Venedig vor? Kurzer Artikel, irgendwo im Wirtschaftsteil oder Feuillton. Mit Bildchen von Ridley Scott, dem Gewinner/der Gewinnerin und einer berühmten, schönen Jurorin (siehe Wette unten) auf dem roten Teppich vor irgendeinem Palazzo: das hätte sogar Titelseiten-Potential. Für den Gegenwert an PR sind die 500.000$ Preisgeld aus der Portokasse.
Was diese Kooperation für die Scotts bringt.
Das ist jetzt arg überspitzt und auch etwas bissig, aber ich denke, dass ich damit nicht ganz falsch liege: Die alten *vorsicht Gotteslästerung* Knasterköppe können nach “Life in a Day” weiter ihren Ruf festigen, irgendwie mit dem Internet und Film im 21. Jahrhundert klar zu kommen und kreative, filmische Antworten auf diese Herausforderungen geben zu können. Im Hollywood von SOPA und den nicht enden wollenden Sequels ist das sicher ein Alleinstellungsmerkmal. Darüber hinaus gibt es gleich noch Nachwuchstalente und reichlich PR gratis obendrauf. Ist doch bestens: Da wird schon über einen Film berichtet (der, der von den 500.000$ bezahlt wird), noch bevor die Preproduction-Phase überhaupt begonnen hat.
Was diese Kooperation für das Venedig Filmfestival bringt.
Ich mutmaße, dass Youtube aka Google dafür irgendwas bezahlen wird, diese Deals werden aber natürlich nicht veröffentlicht. Für die Berlinale habe ich das mal vor ein paar Jahren versucht hochzurechnen. Ich würde in diesem Fall auf einen mindestens sechs-stelligen Betrag tippen. Das ist verdammt viel Geld, auch für ein großes Festival. Ansonsten fällt mir nix ein. Und ich denke, dass ist genau der Grund, warum mir diese Kooperation so falsch erscheint.
Mögliche Motive könnten sein: Neue jüngere Zuschauergruppen erschließen? Sich als Filmfestival präsentieren, das mit der Zeit geht, sich den aktuellen Themen und Problemen der Filmwirtschaft widmet, nicht mehr nur ein Dinosaurier im Paillettenkleid sein? Aber genau für diese Probleme bietet dieses Kooperationsmodell doch keine Lösung! Da wird vermutlich einem Nobody ein 500.000$-Schein in die Hand gedrückt und Ridley Scott an die Seite gestellt werden. Ist das eine Antwort auf die Finanzierungsprobleme im Independent-Sektor? Darauf, wie man junge Filmemacher auf diesen komplizierten Markt vorbereiten kann? Wie künftig Vertriebsmodelle aussehen können, bei denen die Geldströme nicht vor allem in die Taschen von Verleihern und Studios strömen? Nein, nein, nein. Was habe ich übersehen, warum machen die das? Ich verstehe es einfach nicht und ärgere mich die Plötze, weil es einen schalen Beigeschmack von Ausverkauf hat.
Zum Abschluss noch ein paar Publikumswetten!
Damit das PR-Konzept richtig aufgeht, braucht es gute Bilder. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass der Jury für das Your Film Festival mindestens eines Hollywood-Schönheit angehören wird, die dem glücklichen Gewinner einen fotogenen Schmatzer auf die Backe drücken wird. Deshalb die Frage an Euch:
Wette 1: Wer wird das gutaussehende Hollywoodsternchen sein, das in der Jury sein wird?
Wette 2: Habt Ihr einen Tipp für Genre/Art des Gewinnerfilms?
Für den Gewinner, die Gewinnerin jeder Wette spendiere ich einen Kino-Gutschein! Sollten mehrere Leute richtig tippen, denke ich mir was aus. Dass der Rechtsweg und Bestechungsversuche ausgeschlossen sind etc. blablub muss ich ja jetzt wohl nicht sagen…
Ich selbst grüble auch noch, werde aber in Kürze meine Wetttipps hier posten.
Ankündigung: Snow Town ARG
Grundsätzlich finde ich Alternate Reality Games spannend und bisweilen auch unterhaltsam. Allerdings nerven mich zwei Sachen:
- Häufig höre ich erst von ihnen, wenn sie schon vorbei sind.
- Viele sind Murder/Mystery-Geschichten (als jemand, der schon beim Anblick einer Riesenspinne in einem Harry-Potter-Film kreischt, bin ich für dieses Genre gänzlich ungeeignet) und wenden sich meistens an ein deutlich jüngeres Publikum, als ich es bin.
Das führt dazu, dass ich nur sehr selten mal bei einem ARG mitspiele. Deshalb kribbelt es mir vor Vorfreude schon jetzt in den winterlich behandschuhten Fingern. Jan Libby wird uns voraussichtlich in der ersten Hälfte von 2012 den zweiten Teil von Snow Town servieren!
Jan entwickelt dafür eine eigene auf HTML5-basierende und damit für jegliches Gerät geeignete App, mit der man dieses ARG jederzeit spielen kann. Sie nennt sie die I-FI App – die “integrated, immersive Fiction App”. Darauf bin ich sehr gespannt. Einerseits ist es eine Lösung für mein erst genanntes Problem. Anderseits frage ich mich, ob es dann noch Interaktion mit anderen Spielern gibt (aus meiner Sicht einer der Aspekte, der ARGs so reizvoll macht) und wenn ja, wie diese gestaltet sein wird.
Wer also ebenfalls über 25 ist, sich für Independent oder, um mal einen Filmterminus zu benutzen, eher Arthousige ARGs interessiert, dem sei Snow Town hiermit an das fröstelnde Winterherz gelegt.
Weitere Infos:
- Jan und ihr Team sammeln noch ein paar $ für die Produktion der letzten Filmsequenzen und der App bei Kickstarter. Wenn man sich dort registriert, wird man auch mit allen weiteren Infos zum Spiel versorgt.
- Trailhead zum ersten Snow Town Spiel.
- Interview mit Jan Libby, in dem sie u.a. auch Auskunft darüber gibt, dass quasi die Hälfte der Bevölkerung ihres Heimatortes in Maine, USA, an der ersten und auch zweiten Ausgabe von Snow Town beteiligt war/ist.
Schöne Multimedia-Projekte zur Fußball-WM
Heute geht die WM los und wir in den nächsten vier Wochen werden Fußball und Südafrika weltweit im Mittelpunkt des Medieninteresses stehen. In den letzten Tagen sind einige sehr schöne, anspruchsvolle und gut gemachte Multimedia-Projekte zu Südafrika und der Fußball-WM über meinen Bildschirm geflimmert, die ich an dieser Stelle gerne vorstellen möchte. Wer also nicht drei Spiele am Tag schauen will, kann sich hier – zumeist auf ästhetisch hohem Niveau – gut unterhalten und informieren lassen!
Soccer for Life – Multimedia-Reportagen
SOCCER FOR LIFE – Episode 1 – Deutsch von 2470media auf Vimeo.
Soccer for Life sind Reportagen, die Foto und Video miteinander verbinden. Produziert von 2470media in Kooperation mit den 11Freunden und der Taz. Mir sind die Reportagen des 2470media-Teams bereits mehrfach aufgefallen, denn sie sind hervorragend gemacht. Leider lassen sowohl ihre eigene Firmenwebsite als auch die für Soccer for Life-Seite in Sachen Design, Funktionsumfang, Interaktivität und Navigation arg zu Wünschen übrig. Schade, denn das hält einen davon ab, regelmäßig diese Seiten zu besuchen (mangels RSS-Feed muss man da immer noch selbst hinsurfen) und sich die neuesten Reportagen anzuschauen.
Via Rufposten.
Die WM2010: ein Wintermärchen – Reportagen & Blog aus Südafrika
Ich möchte heulen – I want to cry from Frey&Schaechtele on Vimeo.
Auf der Wintermärchen2010-Seite wirdmehr als “nur” die Reportagen geboten, wie die oben über die Schwierigkeiten für die Südafrikaner, Tickets für WM-Spiele zu bekommen. Täglich wird aus Südafrika berichtet, in Blogeinträgen, Foto-Video-Reportagen oder auch mal nur einigen Audio-O-Tönen und es gibt den Vuvuzela-Zähler! Schön gemachte Seite, schön gemachte Reportagen, schönes Projekt! Ebenfalls via Rufposten.
This is Southafrica – Netzlese-Projekt zu Hause gebliebener Axel-Springer-Volontäre
Studierende der Axel Springer Akademie “berichten” über die WM, indem sie die interessantesten Geschichten über Südafrika und die Fußball-WM aus dem sozialen Netz fischen und auf der This is Southafrica-Website aggregieren. “Südafrika in Echtzeit” und “Südafrika – so wie es wirklich ist” sind die beiden Leitsprüche für dieses Projekt, das behauptet mehr als reine Nachrichten zu liefern, statt dessen gebe es Geschichten, die Wahrnehmungen lieferten (schwierige Behauptung, aber egal). Da wird zu einem Vuvuzela-Flashmob aufgerufen, über das twitternde US-Fußball-Team geschrieben, viele Fanporträts gezeigt etc. Bunt, ein bisschen viel Bild-Stil, aber durchaus unterhaltsam.
Bicycle Portraits: Crowdfunding für ein Fotobuch jenseits des Fußballfiebers

Es muss nicht immer Fußball sein. Anfang diesen Jahres begannen die Fahrradenthusiasten und Fotografen Stan Engelbrecht und Nic Grobler Radfahrer in Südafrika zu fotografieren und sich mit ihnen über ihre Räder, ihr Leben und das Radfahren zu unterhalten. Daraus wurde eine sehr schöne Portraitserie namens Bicycle Portraits. Mittlerweile streben die beiden die Veröffentlichung eines Fotobuches dieser Portraits an und nutzen ihre Website, um die Produktionskosten durch Vorbestellungen einzuspielen. Via Boergeblog.
So, und nun werde ich mich mal aufmachen, um in Gemeinschaft das Eröffnungsspiel zu schauen (Public Viewing nennt man das heute)…
Premiere des ersten Real-3D-Films einer deutschen Filmhochschule am 11. Mai in Berlin
Am 11. Mai 2010 um 17 Uhr feiert die 23-minütige Tragikomödie TOPPER GIBT NICHT AUF! in der Astor Filmlounge Berlin in Anwesenheit der Hauptdarsteller Claude-Oliver Rudolph, Maximilian Vollmar und Anna-Maria Sturm ihre Premiere.

Studierende der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam haben mit „Topper gibt nicht auf“ den ersten Real-3D-Film einer deutschen Filmhochschule produziert. Regie führte Félix Koch, das Drehbuch schrieb Florian Hawemann, die Produktionsleitung hatte Paul Andexel, für die Bildgestaltung mit dem stereoskopischen Kamerapaar zeichnete Benjamin Raeder verantwortlich, den 3D-Schnitt übernahm Phillip Schindler und Sönke Kirchhof war der Supervisor für die aufwendige 3D-Postproduktion. Neben den genannten HFF-Studierenden waren viele weitere Teil des insgesamt 70 Personen umfassenden Stabs. Darüber hinaus konnten prominente Schauspielerinnen und Schauspieler gewonnen werden wie Claude-Oliver Rudolph („Das Boot“, „James Bond 007: Die Welt ist nicht genug“), Maximilian Vollmar („Die Welle“, „Nancy and Frank – A Manhattan Love Story“) und Anna-Maria Sturm („Beste Zeit“, „Beste Gegend“). Sowohl die Schauspieler als auch das gesamte Team werden bei der Premiere anwesend sein.
TOPPER GIBT NICHT AUF! erzählt die Geschichte von Axel, der Regie studiert und die männliche Hauptrolle seines aktuellen Films mit seinem Idol Til Topper besetzt. Beim Dreh entpuppt sich Topper als arroganter Exzentriker und droht, alles hinzuschmeißen. Doch dann kommt Marleen. Sie spielt die weibliche Hauptrolle, weckt seinen Ehrgeiz und – sie ist Axels Freundin.
Regisseur Félix Koch erläutert die Herangehensweise zum Einsatz der 3D-Technik: „Eigentlich erzählen wir eine gänzlich untypische 3D-Geschichte: In “Topper” gibt es keine spitzen Gegenstände, die aus der Leinwand ragen, keine Verfolgungsjagden durch interstellare Asteroidenfelder, keinen Ritt auf dem Rücken eines Flugdrachen durch das Blätterwerk eines fernen Dschungelplaneten. Wir erzählen eine verzwickte Dreiecksgeschichte zwischen einem in die Jahre gekommenen Actionstar, einem überambitionierten Filmstudenten und seiner Freundin. Uns war es wichtig, die 3D-Technik nicht als effekthascherisches Bonbon einzusetzen, sondern als unterstützendes Gestaltungselement der Dramaturgie für unsere Geschichte zu nutzen. Für mich persönlich war die Arbeit an “Topper” in jeder Hinsicht eine Bereicherung: Wir sind als Filmstudenten nun auf dem neusten Stand von Forschung und Technik und konnten dank des Drehs eine Menge über die Arbeit an einem 3D-Set und den Umgang mit der dritten Dimension in der Postproduktion lernen.“
Topper gibt nicht auf! wurde im Rahmen des 3D-Forschungsprojektes PRIME realisiert. PRIME ist die Abkürzung für Produktions- und Projektionstechniken Immersiver Medien und wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert. Acht führende deutsche Unternehmen und Forschungsinstitute schlossen sich zu einem Konsortium zusammen, um für die Einführung des dreidimensionalen Medienkonsums in Kino, TV und Spielen zukunftsweisende Technik und tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Wer bei der Premiere am 11. Mai dabei sein möchte, dem sei die Teilnahme an einem der Gewinnspiele bei unseren Partnern für Premierentickets empfohlen:
- bis 08.05. bei der Digitalen Geburtstags-Leinwand
- bis 09.05. auf der Topper-Website
- auch bis 09.05. bei Moviac
Weitere Infos zum Film gibt es unter:
- www.topper3.de: Die prall gefüllte Topper-Website
- www.facebook.com/3DTopper: Werdet unser Freund und Fan!
- www.twitter.com/tiltopper: Sehr unterhaltsames und sehr zu empfehlendes Gezwitscher aus dem Leben eines Actionstars!
- www.youtube.com/3DTopper: Haufenweise kurze Features & Interviews mit den Machern, die einen Blick hinter die Kulissen des Filmemachens in der dritten Dimension gewähren!
- www.moviac.de/filme/Topper+gibt+nicht+auf/ Für eine Topper-Vorstellung auf Moviac stimmen!
Geschäftsmodelle im Web2.0: Beispiel Vertrieb von Kurzfilmen
Die Organisatoren der stART-Konferenz, die Kunst und Kultur mit den sozialen Medien zusammenbringen möchten, rufen im Vorfeld der diesjährigen Konferenz gemeinsam mit dem Kulturmanagement Network zu einer Blogparade zum Thema “Geschäftsmodelle im Web 2.0” auf. Erst mal ein herzliches Dankeschön für die gute Idee!

In diesem Post möchte ich dafür anhand eines eigenen Projekts der Frage nachgehen, wie das Web2.0 von Kurzfilm-Produzenten genutzt werden kann, um für ihren Film eine Distribution in Kinos zu erhalten – ein Ziel, das geschätzte 95% der Produktionen nie erreichen. Warum Kurzfilm-Distribution als Thema? Weil eine Kinodistribution für Kurzfilme noch viel schwieriger zu organisieren ist als für “normale”, abendfüllende Filme. Vor allem aber, weil wir mit unserem Projekt in dieser Hinsicht neue Wege mit Hilfe des Web2.0 gegangen sind, die vielleicht auch für Projekte in anderen Kultursparten anregend sein könnten.
Vertrieb von Kurzfilmen aus Produzenten-Sicht: altes Modell ohne “Geschäft”…

Kurz zum Hintergrund: Neben diversen Produktionsfirmen sind es in Deutschland vor allem die Filmausbildungsstätten, an denen Kurzfilme produziert werden. Die meisten davon als Übungen, Experiemente, Versuche. Oftmals entstehen dabei kompakte Werke von hoher künstlerischer Qualität. Die während ihrer Studienzeit entstandenen (Kurz-)Filme sind die “Visitenkarte” der jungen Filmemacher, mit der sie sich später auf einem hart umkämpften Markt bewerben müssen – sei es, um eine Position als Kameramann-/frau, Regisseur, Produzent etc. zu ergattern oder um Filmfördergelder für ihre nächsten, größeren Projekte einzuwerben.
Nun gibt es in Deutschland fünf staatliche Filmhochschulen plus diverse teils private und anderweitig finanzierte Akademien. An all diesen Institutionen werden jedes Jahr unzählige Kurzfilme hergestellt, an der größten der fünf staatlichen Hochschulen, der Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf” in Babelsberg, beispielsweise sind dies über 200 Produktionen jedes Jahr. Da konkurrieren also jährlich mehrere hundert Kurzfilme darum, eine weitere Verbreitung zu finden. Mit “weitere Verbreitung” ist vor allem das Kino, eventuell noch Fernsehen gemeint. Die Filmbranche ist traditionell und noch immer dem Netz gegenüber sehr skeptisch und beharrt auf den althergebrachten Verwertungsmustern, die kostenloses Abspielen im Internet zumeist kategorisch ablehnen. Häufig sehen die Produktionsverträge der Hochschulen vor, dass die Studierenden ihren Film nicht online zur Verfügung stellen dürfen.
Vor diesem Hintergrund erklärt sich dann auch das “alte” oder klassische Vertriebsmodell für Kurzfilme ganz fix: Die besten Kurzfilme eines Jahres werden an den Hochschulen ausgewählt und deutschland- oder teils Europa-weit bei Filmfestivals eingereicht. Wird einer der Filme in der Kurzfilmsektion eines Festivals angenommen, ist das bereits ein immenser Erfolg (hier ein Beispiel eines HFF-Animationsfilms). Gewinnt er gar einen Preis, kommt das einem Sechser im Lotto gleich, auch wenn einen das – zumindest hierzulande – nicht unbedingt reich oder berühmt machen muss. Wichtig für die jungen Filmemacher ist, dass sie die Festivalbeteiligungen in ihrer Filmographie vermerken können. Geld verdient damit niemand, in der Regel werden nicht einmal die Produktionskosten durch die Preisgelder gedeckt.
In einem Zeitalter, da Vorfilme gar nicht mehr und Kurzfilme außerhalb von Festivals kaum gezeigt werden, ist das alte Geschäftsmodell also gar kein Geschäftsmodell, sondern ein Glücksspiel mit ein wenig PR und Reputation als Hauptgewinn. Wie können da soziale Medien und das Web2.0 neue Ansätze bieten? Wie kann man also mit Hilfe der neuen Medien einen Erfolg (= Vorführung des Kurzfilms in Kinos außerhalb von spezialisierten Festivals) in einem über hunderjährigen Medium erreichen?
Einblick: der erste Real-3D-Film einer deutschen Filmhochschule

Das offizielle Topper gibt nicht auf! Filmplakat
Wie schon eins, zwei, drei Mal berichtet, hat die HFF Babelsberg ihren ersten 3D-Film gedreht, für den die Verfasserin dieses Artikels als Producerin verantwortlich zeichnet. TOPPER GIBT NICHT AUF! erzählt die Geschichte von Axel, der Regie studiert und die männliche Hauptrolle seines aktuellen Films mit seinem Idol Til Topper besetzt. Beim Dreh entpuppt sich Topper als arroganter Exzentriker und droht, alles hinzuschmeißen. Doch dann kommt Marleen. Sie spielt die weibliche Hauptrolle, weckt seinen Ehrgeiz und – sie ist Axels Freundin.
Selten wurde ein 25-Minüter mit einem derartigen Personalaufwand (etwa 100 Personen insgesamt in Stab und Besetzung) und so komplexer Technik an der HFF gedreht. Selten ist auch die Einbettung einer Kurzfilmproduktion in den größeren Rahmen eines vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Forschungsprojekts (www.prime3d.de). Selten gut war auch das Timing für das Projekt: Drehbeginn war im November 2009, genau einen Monat vor der Europa-Premiere von AVATAR und so konnte unsere kleine 3D-Produktion auf der ganz großen Cameron-3D-Welle mitreiten. Eine echte Ausnahme ist das Genre dieses Films: Bisher gab es in 3D nur Action, Thriller, Horror, Family-Entertainment, Sci-Fi etc. zu sehen, aber keine Tragikomödie – und schon gar nicht eine über einen alternden 80′er Jahre Actionstar gespielt von Claude-Oliver Rudolph. Außerdem gab es auch noch einen “Wir sind die ersten!”-Erfolg zu verbuchen. Bisher gab es von deutschen Filmhochschulen “nur” Animationsfilme in 3D, die mit wesentlich geringerem technischen Aufwand zu realisieren sind als sogenannte Realfilme mit echten Schauspielern, Sets etc., oder aber nur ganz kurze Real-3D-Film-Versuche. Da war Topper die erste große Produktion deutschlandweit! Bemerkenswert ist auch die hochkarätige Besetzung mit Bond-Bösewicht Claude-Oliver Rudolph, Polizeiruf 110-Kommissarn Anna-Maria Sturm und Maximilian Vollmar, der schon an Jürgen Vogels Seite in DIE WELLE gespielt hat. Und dann war da noch ein talentiertes und außergewöhnlich motiviertes studentisches Produktionsteam, das erkannte, dass es hier ein echtes Ausnahmeprodukt von Kurzfilm sein Eigen nennen durfte, mit dem es zwar ganz sicher nicht reich, aber in aller Bescheidenheit ein klitzekleinwenig berühmt werden könnte!

Testaufnahmen mit dem 3D-Kamerarigg mit Kameramann Benjamin Raeder (links) und Stereographer Michael Laakmann (Mitte)
Marketing und Vertrieb mit Hilfe des Web2.0 für einen 3D-Kurzfilm
Mit einem Marketingbudget, das gerade so den Druck von einigen Flyern und Postern und das Mieten eines Kinos für die Premiere in Berlin erlaubte, war von Anfang an klar, dass vor allem das Netz für die Vermarktung genutzt werden sollte. Ziel war und ist es, eine möglichst große Fangemeinde für diesen Film aufzubauen, um potentiellen Verleihern zu demonstrieren, dass es Leute gibt, die diese 3D-Tragikomödie sehen möchten und dafür eine Kinokarte oder DVD/Bluray kaufen würden. Die Alleinstellungsmerkmale lagen auf der Hand: Claude-Oliver Rudolph als Hauptdarsteller und eine rein deutsche, low-budget 3D-Produktion, die mit zwei “Firsts” (die erste 3D-Tragikomödie und der erste Real-3D-Film einer deutschen Filmhochschule) aufzuwarten hatte.
Kooperation mit Moviac
Zentraler Dreh- und Angelpunkt der Kampagne ist die Kooperation mit der online Plattform moviac – Deine Wunschfilme im Kino! Seit 2009 ist Moviac bereits online und versteht sich als Angebot für alle, die ihr lokales Kinoprogramm aktiv mitgestalten wollen. Dabei steht Moviac für movie maniac – filmverrückt. Filmfans können sich mit Gleichgesinnten vernetzen und so ihren Wunschfilm in ein Kino in der Nähe bringen. Aus mehr als 2000 Filmen – Klassiker, Arthouse- und Independent-Produktionen oder eben 3D – kann die moviac-Gemeinde bereits wählen, und mehr als 150 Partnerkinos wurden in Deutschland für das Projekt gewonnen. Letztes Jahr wurde das Portal sogar mit dem Innovationspreis der Bundesregierung im Bereich Film geehrt. Der interaktive Dialog in der Kinobranche hat begonnen, der in einem Artikel bei Zeit online vor wenigen Tagen beleuchtet wurde.
Auch für Topper kann nun auf Moviac per Mausklick gestimmt werden. Stand Ende April: knapp 40 Stimmen [Nachtrag: Stand im Mai zur Filmpremiere: etwa 120 Stimmen]. Angesichts dessen, dass bisher etwa 3900 Filmwünsche bei Moviac insgesamt eingegangen sind, wir also etwa 1% der Gesamtstimmen auf der Plattform haben, finde ich das durchaus akzeptabel.

Seitenblick
Außerhalb Deutschlands gibt es bereits einige Beispiele für Filme, die mit einer ähnlichen Strategie erfolgreich vertrieben wurden. Am bekanntesten ist der Klimafilm AGE OF STUPID, für den extra die Plattform Indie Screenings gegründet und programmiert wurde. Nach eigenen Angaben haben die beiden Filmemacherinnen mit den Vorführungen allein 110.000 GBP umgesetzt. Indie Screenings kann vor allem für die Organisation von Vorführungen außerhalb von Kinos, also z.B. in Schulen, Kirchen, daheim oder sonst wo, genutzt werden. Im Katalog sind einige ausgewählte Dokumentarfilme verzeichnet. Aufgrund eines Relaunches im Juni liegt die Seite allerdings gerade etwas brach. Ein weiteres Beispiel sind die finnischen Macher von IRONSKY, über deren Web2.0 Marketing-Kampagne ich bereits berichtet habe. Sie haben auf ähnliche Weise 7.500 Stimmen für künftige Vorführungen ihres noch in der Produktion befindlichen Films gesammelt.
Eine Kooperation mit Moviac zu vereinbaren ist schon eine feine Sache, doch hilft einem das gar nicht, wenn niemand für den eigenen Film dort stimmt. Deshalb musste auch für Topper eine kreative Marketing-Kampagne her. Angesichts des bereits erwähnten geringen Marketingbudgets und der Konzentration auf online Medien wollten wir aber noch einen Schritt über die üblichen Facebook-Fanpages, Produktionstweets etc. hinaus gehen. Statt dessen entschieden wir uns dafür, die Geschichte des Films im Web weiter zu führen. In Neudeutsch heißt so was jetzt crossmediale Stoffentwicklung. Darin liegt meines Erachtens ein großes kreatives Potential, das gerade von Kunst- und Kulturprojekten aller Coulour in Verbindung mit online und mobilen Medien noch viel zu wenig genutzt wird.
Die Weiterführung der Topper-Geschichte im Netz…
Til Topper lebt und ist echt! Das war das Credo unserer Kampagne. Dafür wurde unter www.tiltopper.de eine Website für unseren Hauptprotagonisten kreiert, die Infos zu seinen früheren Filmerfolgen enthält. Topper hat ein Facebook-Profil und twittert täglich Geschichten von den Drehschauplätzen der Welt. Auch haben wir bei Wikipedia eine Biographie für ihn angelegt, doch die wurde mit dem Hinweis “Unsinn” innerhalb weniger Stunden gelöscht. Schade eigentlich
Die Plots zu den früheren Filmen, die wirklich großartige Topper-Biographie (nachzulesen hier) und die tägliche Twitter-Dosis Wahnsinn von den Sets der Topper-Actionfilme werden von Drehbuchautor Florian Haweman geschrieben. Den Toppertwitter kann ich übrigens nur wärmsten empfehlen, mir erhellt er regelmäßig meinen manchmal etwas grauen Arbeitsalltag!
Der 3D-Dreh und die Postproduktionsphase wurden von einem kleinen Making-of-Team begleitet, das weit mehr gutes Material sammelte, als in dem 15-minütigen Making of verwendet werden konnte. Deshalb entschloss sich Produktions- und Marketingleiter Paul Andexel, daraus sogenannte Featurettes – oder auch gerne Topperettes genannt – zu bauen, die auf Youtube und der Topper-Website einen Blick hinter die Kulissen dieser Produktion erlauben. Mehrmals pro Woche werden Interviews oder Featurettes zu einem bestimmten Thema veröffentlicht.
Regisseur Félix Koch hat vor seinem HFF-Studium u.a. das Merchandising für Bernd das Brot gemacht und somit viel Erfahrung in der Gestaltung von Plakaten etc. So stammt das gesamte Artwork für TOPPER GIBT NICHT AUF als auch für die früheren Actionfilme Til Toppers aus seiner Feder. Das Drehbuch sieht am Anfang des Films eine Montagesequenz alter Topper-Filmplakate vor. Sowohl der Regisseur als auch der Hauptdarsteller haben einen Faible für alte Actionfilmplakate und so war es ein Leichtes für Félix, Claude-Oliver Rudolph zu einer Fotosession vor Greenscreen für diese Intro-Montagsequenz zu überreden. Daraus ist u.a. das “Operation Kobra”-Plakat entstanden, das wir alle so gut fanden, dass wir es im Zuge der “Topper ist wirklich echt”-Kampagne drucken ließen. Mit diesen Materialien wurde dann auch die Til Topper Website bestückt.

www.topper3.de Screenshot
All diese Aktivitäten werden auf der www.topper3.de Website zusammengeführt. Hier gibt es Links zu allem zuvor genannten Content, regelmäßige Blogeinträge, Gewinnspiele, aktuelle Informationen zum Fortgang der Produktion etc.
… in Kombination mit klassischer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Drei Pressemitteilungen wurden zu Topper veröffentlicht und über den Hochschul-Presseverteiler als auch einen eigenen Verteiler, den das Team aufgebaut hat, versendet. Die erste Mitteilung war eine Einladung zum Pressegespräch am vorletzten Tag der Dreharbeiten mit Besuch des Sets, wo Darsteller und Crew zur Beantwortung von Fragen zur Verfügung standen und die 3D-Kameratechnik aufgebaut war. Die Resonanz war sehr positiv und etwa ein Dutzend Pressevertreter erschienen, darunter auch ein Journalist für die ddp-Presseagentur. Dank der ddp-Meldung wurde in sämtlichen regionalen als auch vielen überregionalen Tageszeitungen und online Nachrichten-Portalen über den Topper-Dreh berichtet. Ursprünglich war die Wahl des Drehtermins in der zweiten Novemberhälfte vor allem der Raumbelegung des großen HFF-Studios geschuldet gewesen, wo dies der fast einzige freie Termin für uns war. Aus Marketingsicht erwies sich dieser aber als perfektes Timing, da er – wie bereits erwähnt – nur wenige Wochen vor der AVATAR-Premiere lag und sämtliche Medien zu dem Zeitpunkt besonders sensibilisiert waren für das 3D-Thema. Dies muss man ehrlicherweise einräumen angesichts der wirklich überwältigenden Resonanz, die unser Projekt in den alten Medien fand – schließlich ist Topper auch nur einer von hunderten studentischer Kurzfilme des Jahres 2009/2010.
Trotz dieser Einschränkung haben wir aber auch vieles richtig gemacht bei der Pressearbeit: Wir haben ein professionelles Presskit mit allen Informationen und Bildern zusammengestellt, haben viel Arbeit in den Verteileraufbau gesteckt, hatten einen Standfotografen dabei, der die Dreharbeiten begleitet hat, so dass wir gutes Fotomaterial vom Film als auch den Filmarbeiten selbst anzubieten hatten, wir haben die Alleinstellungsmerkmale schlüssig und auch für Laien nachvollziehbar kommuniziert.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass wir natürlich nicht nur die Holzmedien mit Informationen versorgten, sondern bevorzugt auch Webseiten und Blogs, die sich auf das Thema Film spezialisiert haben. Besonders hervorzuheben ist die mittlerweile freundschaftliche Partnerschaft mit Gerold Marks von der Digitalen Leinwand, dem mit Abstand wichtigsten Blog zum Thema Kino, Digitalisierung des Kinos und 3D in Deutschland. Gerold hat uns den Kontakt zu Moviac vermittelt, hat regelmäßig über Topper berichtet – und das auch noch ausführlich und ohne sachliche Fehler in den Artikeln (im Gegensatz zu einigen haarsträubenden Fehlern in der Berichterstattung mancher Tageszeitung). Mit über 350.000 Besuchern im ersten Jahr des Blog-Bestehens ist die digitale Leinwand der wichtigste Multiplikator für uns. Dort werden übrigens anläßlich des ersten Geburtstags der Digitalen Leinwand Karten für die Topper-Premiere verlost!
Auch in Sachen Öffentlichkeitsarbeit waren wir rührig: Zur Berlinale 2010 gab es in einer 50-er Auflage DVDs mit einem ersten Trailer (in anaglyph 3D), “Operation Kobra” Flyer und Postkarten. Mindestens einer vom Team war bei allen einschlägigen 3D-Veranstaltungen, die während der Berlinale stattfanden, als auch bei Empfängen, die von unseren Partnern veranstaltet wurden, anwesend und hat dort Netzwerkarbeit geleistet und das Marketingmaterial verteilt. Schon während der Berlinale wurden Kontakte zu potentiellen Verleihern gesucht, der Presseverteiler erweitert etc. Auch bei allen anderen Veranstaltungen, die in der Hauptstadtregion seit Oktober letzten Jahres zu 3D stattgefunden haben, war immer mindestens einer von uns dabei. Dank der Kombination dieser Maßnahmen ist unsere Produktion mittlerweile in der Branche recht bekannt.
Ausblick
Nun liegt die Deadline für diese Blogparade vor dem Premierentermin. Deshalb kann jetzt für Topper noch nicht berichtet werden, ob die neuen Medien erfolgreich eingesetzt werden konnten, um aus den Reihen der alten Medien einen Verleih für Topper zu finden. Auf diesem Blog wird das Ergebnis unserer Bemühungen selbstverständlich nachgereicht werden! Angesichts der für einen Kurzfilm sehr schwierigen Länge von 25 Minuten bin ich da eher pessimistisch. Da er als Vorfilm zu lang ist, wäre die einzige Möglichkeit eine Art “Packaging” mit anderen 3D-Kurzfilmen. Aber vielleicht schaffen wir es ja auf Moviac genug Stimmen zu erhalten, um neben der Premiere noch ein, zwei oder gar drei Vorführungen des Films in 3D für ein Publikum außerhalb unserer eigenen Hochschule zu organisieren. Das wäre dann tatsächlich ein großer Erfolg aus meiner Sicht! Topper ist ganz sicher ein Nischenprodukt, für den eine Plattform wie Moviac auch nur begrenzt etwas erreichen kann. Hat man jedoch einen Film, der eine größere Publikumsnische bedient wie die genannten Beispiele AGE OF STUPID oder IRON SKY, dann lässt sich in Verbindung mit einer Web2.0-Kampagne und einem Portal wie Moviac sicherlich eine stattliche Anzahl von Vorführungen arrangieren.
Ähnliche Ansätze gibt es in der Musikbranche natürlich schon viel länger, aber für Film und Kino ist das noch sehr neu und gerade im Experimentierstadium. Mir ist in Deutschland außer Topper kein anderer Film bekannt, der noch während der Produktionszeit versucht hat, Stimmen für eine Vorführung vor Ort in lokalen Kinos zu sammeln. Für die Mehrheit der Filmproduktionen wird das auch künftig nicht der heilige Gral sein, aber für spezielle Produktionen wie die unserige lässt sich damit sicherlich mehr erreichen, als in halb Berlin zu plakatieren. Von Geschäftsmodell kann schon mal gar nicht die Rede sein. Doch fairerweise sollte man berücksichtigen, dass das für den Großteil der deutschen Filmbranche gilt, die ohne massive staatliche Filmförderung nämlich auch kein Geschäftsmodell vorzuweisen hätte. Aber das ist eine ganz andere Geschichte… Ich für meinen Teil würde mich jedenfalls freuen, wenn man auf den Filmographien des Filmnachwuchses künftig nicht nur die Festivalbeteiligungen verzeichnet finden würde, sondern auch die durch online Voting initiierten Publikumsvorführungen!
Alle Bilder: Cristian Pirjol oder Benjamin Raeder für HFF”Konrad Wolf”/ Topper gibt nicht auf! www.topper3.de




