Kultursponsoring im Wirtschaftskrisenjahr: In jedem Sessel ein potentieller Kunde?

VW hat zwei wichtige, millionen-schwere Kultursponsoringverträge nicht verlängert in diesem Jahr: mit der Berlinale, wo VW einer von 3 Hauptsponsoren war, und mit der Deutschen Oper Berlin. Von VW ist dazu wenig zu vernehmen. „In jedem Sessel sitzt ein potentieller VW-Kunde“ – so lautete noch die Sponsoringvision anno 2004. Sehen die Wolfsburger das mittlerweile grundlegend anders? Offizielle Antworten gibt es nicht. Aber ein Blick auf die VW-Pressemeldungen der letzten Monate zeigt, dass Kultur weiterhin gefördert wird.

Lassen sich am Beispiel VWs irgendwelche Trends zum Kultursponsoring in der Wirtschaftskrise ablesen? Ich denke schon. Jedoch muss ich einschränken, dass ich über die Sponsoringstrategie VWs nur spekulieren kann, da diese natürlich nicht veröffentlicht ist. Bei näherer Analyse zeigt sich, dass solche Verträge nicht verlängert wurden, die m.E. nicht zum Image der Marke passten. VW ist weder glamourös (=> Berlinale) noch bildungsbürgerlich-elitär (=> Deutsche Oper Berlin). Oder wie es VW selbst formuliert in der Pressemeldung zum Sponsoring der Lolas: „Das Engagement Volkswagens beim Deutschen Filmpreis reicht weit über den Fahrservice hinaus. Die Volkswagen Sound Foundation lädt zur Aftershow Party [...]. Zudem wird es am Abend die legendäre Volkswagen Currywurst aus Wolfsburg geben.“ Abwrackprämie, Tatortkommissare, ein paar deutsche Filmsternchen und Currywurst – das passt besser zum Golf als die Berlinale People’s Night, laut des Filmbranchenblatts Variety „one of the fest’s hottest parties“, die in diesem Jahr kurzfristig abgesagt wurde, da VW seine Unterstützung dafür zurückzog.

Was lernen wir daraus? Es kommt wie immer drauf an. Passen Image des Sponsoren und der Kulturveranstaltung/-institution zueinander, wird auch weiterhin unterstützt werden. L’Oreal hat beispielsweise seinen Vertrag mit der Berlinale verlängert: „Film und Make-up gehören einfach zusammen, vor der Kamera ist der richtige Look entscheidend.“   Ein Artikel mit anschaulichen Kultursponsoring-Beispielen aus Baden verdeutlicht dies ebenso. Die Kernschmelze des Finanzsystems wird also nicht automatisch zum abrupten Ende jeglichen Kultursponsorings führen. Aber Sponsoren werden genauer prüfen, werden vermutlich mehr für ihr Geld verlangen. Auch bei der von mir organisierten Veranstaltung war das in diesem Jahr schon zu spüren. Es wurde nicht mehr grundsätzlich unterstützt, weil es eine gute Veranstaltung ist und zum Produkt/Unternehmen passt. Da wurde dezidiert nach den Möglichkeiten für Verkaufsgespräche gefragt, der konkrete Gegenwert für die Sponsoringleistung musste genauer als zuvor dargelegt werden.

Auch wenn das vollständige Versiegen der Sponsoringgelder voraussichtlich ausbleiben wird, werden es härtere Zeiten für alle Kulturschaffenden werden. Die öffentliche Hand wird weniger zu verteilen haben und das Beispiel VW zeigt, dass die Kultur von der Wirtschaft zwar weiterhin unterstützt werden wird, aber nicht mehr im selben Umfang wie zuvor. Dieter Kosslick und seinem Berlinale-Team drücke ich die Daumen, dass sie einen neuen Unterstützer für den Fahrservice finden werden. Welcher Autohersteller es auch sein wird, er sollte eher nach Champagner denn Currywurst schmecken…

Fußnote: wen das Thema Berlinale-Sponsoring interessiert, der sei auch auf meinen Artikel zur Berlinale 2008 hingewiesen…

“Bits wollen frei sein!” Nr. 2: Digital Film Camp

Ganz anders als bei der Republica ging es beim ersten digitalen Film Camp in Berlin zu, dass am 17.04. in der Homebase stattfand. Statt des wohligen Wir-aufrechten-Kämpfer-für-Creative-Commons-und-weltweite-Redefreiheit-Gefühls, plagten die Runde Zweifel und Unsicherheit. Woher soll das Geld für die nächste Produktion kommen, wenn der aktuelle Film kostenlos im Netz zu haben ist? Welche Vorbilder gibt es für den kreativen Einsatz von online Marketing für Europäische low-budget Filme?

Konkrete Antworten gab es nicht beim Digital Film Camp. Doch erhielt man ein sehr gutes Stimmungsbild, was die Filmbranche gerade bewegt. Alle wissen, dass sie sich wohl irgendwie mit dem Internetz auseinander setzen müssen, dass es mindestens als Marketing- und Vertriebsplattform viele Chancen bieten kann. Aber wie diese genau genutzt werden können oder wie man das Netz gar kreativ einsetzen kann, um mit filmischen Mitteln eine Geschichte zu erzählen, darüber herrschte große Ratlosigkeit.

Die Themenbandbreite war spannend:

//Marketing und Distribution für Filme über das Internet
//Produktion für das digitale 3D-Kino
//Schrecklich erfolgreiche Videos auf Youtube
//Live Cinema (non-lineare Filme performed von VJs)
//Filmvermarktung in der virtuellen 3D-Welt Twinity

Richtig hitzig wurde die Debatte erst bei der von Tillmann Allmer, Sven Assmann und meiner Wenigkeit moderierten Diskussion zu Vermarktungsstrategien für Filme im Netz. Die Position „Unter keinen Umständen irgendwelche Rechte am filmischen Werk zur Verfügung stellen“ traf auf „Bits wollen frei sein!“ und „Embrace it or die!“ Statements. Die künftigen Verhältnisse werden sich wohl irgendwo zwischen diesen Polen einpendeln.  

“Bits wollen frei sein!” Nr. 1: Republica 09

Zeitnahe Besprechungen von Veranstaltungen sind meine Sache nicht und so gibt es mal wieder Wooooooochen später eine kleine Nachlese zur Republica 09. Die zum ersten Digital Film (Bar)Camp in Berlin folgt in Kürze.

Die Republica ist rasant von einem gemütlichen Treffen von Insidern anno 2007 zu einer auch in den „alten“ Medien viel beachteten Konferenz mit 1500 Teilnehmern in diesem Jahr gewachsen. Wie bei jeder Konferenz gab es gute und grottige Vorträge und dann noch einige echte Höhepunkte (siehe Zitate, Kommentare und Linkls weiter unten).

Ich habe viel darüber nachgedacht, worin der spezifische Wert dieser Konferenz besteht. Letztlich ist es wie bei allen guten Veranstaltungen dieser Art: der allergrößte Wert ist die Vernetzung realer Menschen unter einem realen Dach. Bei einer Bloggerkonferenz führt das zu dem unterhaltsamen Phänomen, dass man unerwartet mit Menschen an der Bar steht und diese nur anhand ihres Namensbadges als jemanden erkennt, mit dem man sich schon des öfteren per Blogkommentar, Mail u.ä. ausgetauscht hat. Hat mehrfach zu lustigen Begegnungen geführt ;-)

Für mich völlig überraschend war das erstaunlich starke und wohlige Gefühl, sich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten real zu tummeln, einer Gemeinschaft von Leuten, die die gleichen Interessen und Anliegen als Netzbürger haben wie icke. Wie bei jeder Gemeinschaft haben solche Versammlungen auch den Zweck, sich in den eigenen Überzeugungen durch Rituale zu bestärken. Überspritzt formuliert: die Twitterwall und das Netbook auf dem Schoß als gemeinschaftsstiftende Elemente der Blogosphäre. Plötzlich fühlt man sich zu einer kulturellen und gesellschaftlichen Avantgarde gehörig, nur weil man Creative Commons für eine kluge Idee hält und das Verhalten der Musik- und Filmindustrie als einschneidende Beschränkung unserer Kultur betrachtet. Als jemand, der hauptberuflich in der Filmbranche arbeitet, ist das ein sehr widersprüchliches Gefühlt…

Alle Vorträge wurden live gestreamt und können auch im Nachhinein bei make.tv angeschaut werden. Hier eine kleine Auswahl und ein paar Zitate von den Veranstaltungen.

Mein absoluter Favorit war Lawrence Lessings Vortrag.  

Transmediale 09: Gefühlskälte im tiefen Norden?

transmediale.09 postcardVor zwei Tagen ging die transmediale.09 zu Ende, die ganz im Zeichen des Klimawandels gemäß dem diesjährigen Motto “Deep North” stand. Da ich nur einige Stunden am Freitag Zeit hatte, mich vor Ort im Haus der Kulturen der Welt umzuschauen, soll dies hier keine ausführliche Kritk des Festivals werden, sondern nur ein paar Bemerkungen vor allem zur Ausstellung bieten.

Flüchtlingslager zum Netzwerken

Transmediale Foyer designed by Raumtaktik

Transmediale Foyer designed by Raumtaktik

Beim Betreten des Hauses der Kulturen der Welt überraschte einen sogleich das eigenwillige, provisorische und wie ich fand großartige Aussstellungsdesign des Berliner Büros Raumtaktik. Holzlatten, Planen, Wellblechstücke und Sperrholzplatten waren im Foyer und der Ausstellungshalle verspannt und genagelt zu temporären Schutzecken. In diesem Berliner Inneraum schaute es aus wie sonst an asiatischen Küsten nach einem Taifun, wo Menschen die wenigen verbliebenen Baumaterialien zu Notunterkünften zusammenzimmern.