Jennifer Hoffmann

Kulturmarketing und Weiterbildung im digitalen Zeitalter

Internet Communities im Kultursektor: eine rare Spezies

Juni 15th, 2008 · 5 Kommentare

Karin Janner hat in ihrem Kulturmarketing-Blog einen interessanten Artikel zur Frage geschrieben, wie Kulturanbieter social communities nutzen könnten, um Freundeskreise aufzubauen - und das dies bisher viel zu wenig geschieht. Dazu möchte ich noch anhand zweier Beispielen einige Ergänzungen machen, da meiner Meinung nach viele Kulturanbieter (genauso wie auch immer noch viele Firmen) zu kurz denken, wenn sie das Web 2.0 nur als Marketinginstrument begreifen. Ich glaube, dass sich darüber ganz neue Möglichkeiten für alle möglichen Institutionen eröffnen und möchte diese hier kurz skizzieren.
Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Dir, liebe Karin, unterstelle ich diese Denke natürlich nicht ;-)

Beispiel Chester Beatty Library, Dublin

Die Chester Beatty Library (kurz CBL) hat eine der weltweit schönsten und besten Sammlungen alter Schriften - von frühen christlichen Papyrus-Texten über traumhafte schön illuminierte Koran-Handschriften bis hin zu wichtigen buddhistischen Texten. Die CBL hat auch ein gut organisiertes “Volunteer-Programme”: freiwillige oder ehrenamtliche Mitarbeiter sind beispielsweise die Tourguides für Besuchergruppen (und davon gibt es viele!). Ich war auch mal so ein Volunteer und kenne es daher gut.

Das Chester Beatty Volunteer Programm

Was den Volunteers geboten wird:

  • Eine individuelle, ausführliche Ausbildung (sprich mehrere Touren durch die Sammlung, Gespräche mit den Kuratoren, bergeweise Literatur).
  • Zweimonatliche Seminare zu bestimmten Spezial-Themen, die die Kuratoren speziell für die Ehrenamtlichen machen.
  • Einführungen zu neuen temporären Ausstellungen, damit auch durch diese geführt werden konnte.
  • Eine extra Weihnachtsfeier nur für die Volunteers
  • Ein Kaffee-Gutschein für den hervorragenden Coffee-Shop, für jede Tour die man führt bzw. für jeden Nachmittag, den man im Shop Dienst tut.

Aufgaben & Zusammensetzung der Ehrenamtlichen

  • Die meisten Volunteers waren wesentlich älter als ich, z.T. schon in Rente, Hausfrauen oder Halbtags-Arbeitende. Viele waren hervorragend für den “Job” geeignet, da sie z.B. Theologie, Anthropologie, Sinologie wie in meinem Fall oder Islam-Wissenschaften studiert hatten.
  • Die CBL gab einen “Richtwert” vor, wonach jeder Volunteer mindestens zwei Touren pro Monat führen sollte bzw. an zwei halben Tagen Dienst im Shop machte (meist entschied man sich für eine der Varianten, ich habe z.B. nie im Shop gestanden, sondern ausschließlich als Tourguide gearbeitet).
  • Neben den öffentlichen Touren Mittwochs und Samstags gab es viele Spezial-Touren für Schulklassen und Studentengruppen, in der Vorweihnachtszeit fanden häufig abends Weihnachtsfeiern von Firmen (die allesamt Sponsoren waren) statt, für die ebenfalls eine Führung durch die Sammlung organisiert wurde. Blog-Berichte über Touren in der CBL finden sich hier und hier.

Warum ich all das so ausführlich beschreibe? Es liegt auf der Hand. Die Volunteer-Aktivitäten würden sich bestens eignen, um sie über z.B. eine geschlossene Facebook- oder MySpace-Gruppe (oder anderen Foren, wie Karin sie vorschlägt) zu organisieren. Für die CBL trifft das natürlich nur bedingt zu, da aufgrund des relativ hohen Altersdurchschnitts vermutlich nur wenige der Chester Beatty Volunteers auf Facebook zu finden sind. Doch für eine Einrichtung mit überwiegend jugendlichen Freiwilligen würde sich das lohnen.

Grundsätzlich sei hier noch angemerkt, dass diese Form des Volunteerings oder ehrenamtlichen Dienstes leider viel zu wenig verbreitet ist in Deutschland. Es gab keine besseren Ambassadoren für das Museum als uns Freiwillige: alle von uns machten den Job aus tiefer Überzeugung und ich habe sämtliche meiner Dubliner Freunde bearbeitet, doch endlich mal diesen wunderbaren Ort zu besuchen.

Projektarbeit über Internetforen

Die CBL und das Draíocht Arts Centre in Blanchardstown (Dublin) haben im April diesen Jahres ein Projekt mit 148 Migratenkindern im Grundschulalter durchgeführt unter dem Titel “Tell your story“. Zum Auftakt gab es einen Besuch in der CBL, gefolgt von über 50 Workshops zum Geschichten erzählen, zu Lyrik und darstellender Kunst. Nach den sechs Wochen Projektarbeit in den Klassenzimmern gab es an einem Samstag eine feierliche Abschlussveranstaltung, zu der auch alle Eltern und Familien eingeladen wurden. Die Workshopergebnisse wurden ausgestellt (von Tonmasken bis hin zu handbemalten “journey scrolls”). Das ganze Projekt wurde von einem Filmteam begleitet, so dass jedes Kind am Ende auch eine DVD erhält. Für ähnliche Projekte mit etwas älteren Kindern liessen sich doch social communities bestens einbinden, um so die Ergebnisse auch noch weiter im Freundeskreis der Kinder streuen zu können (statt die DVD rumzureichen schickt man dann nur noch den Link zum Video).

Schwierigkeiten beim Aufbau von Communities

Wie von Karin bereits angedeutet und auch anderswo diskutiert, gibt es mittlerweile ziemlich viele tote Communities im Netz. Eine davon gehört zu meinem INSIGHT OUT Projekt, für das wir eine geschlossene Community basierend auf der Open-Source-Software Simple Machines Forum aufgesetzt haben. Nachdem Launch Anfang diese Jahres haben sich gleich diverse Leute angemeldet, inklusive Jim Rygiel, dreifacher Oskar-Gewinner für die visuellen Effekte in Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Trilogie. Er war einer der ersten, der sich anmeldete, und ich war stolz wie Bolle darauf.

Doch das hilft nicht viel, wenn aufgrund der dünnen Personaldecke in vielen Kulturinstitutionen einfach niemand da ist, der sich täglich um die Web Community kümmern kann. Bezeichnend fand ich in diesem Zusammenhang den Kommentar von Dirk Heinze, Geschäftsführer des erfolgreichsten Netzwerks im Kulturmanagement Sektor, dem Kulturmanagement Network, zu einer lebhaften Diskussion auf Karins Blog (siehe Kommentar Nr. 14). Der Status Quo heißt deshalb: Zeit in den Aufbau von Webcommunities zu investieren ist für die meisten Kulturinitiativen nur dann möglich, wenn sich daraus ein direkter finanzieller Vorteil ergibt (sei es durch mehr Besucher, Förderer oder Medienresonanz), da der hohe personelle Aufwand gegenüber den Geldgebern gerechtfertigt werden muss. Und die haben leider häufig noch nicht mal das Web1.0 verstanden…

Ich werde jedenfalls in den nächsten Monaten an dieser Stelle über meine Wiederbelebungs-Versuche für das INSIGHT OUT Forum berichten. Noch will ich mich nicht geschlagen geben, ein Modus wie man es aktiv und von den Mitgliedern genutzt halten kann, der mit 3 Stunden Zeitaufwand pro Woche zu bewältigen ist, muss sich doch finden lassen!

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Kategorien: Berufliches · Web 2.0 · kulturmarketing

5 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Christian // Jun 15, 2008 at 13:55

    Ich würde mir ja im ersten Schritt die Frage stellen, warum dieses Forum besteht bzw. funktionieren soll und welchen Nutzen die Mitglieder daraus ziehen können.

    Diesen Nutzen setze ich dann in Relation zu der Zeit, die ich dafür benötige oder zur Verfügung habe und kann dann feststellen, ob sich das ausgeht. Da kann dann durchaus bei rauskommen, dass 3h/Woche zu wenig sind.

    Meistens schläft so ein Forum dann still und leise ein, anstatt es entweder pompös zu beerdigen oder sich darauf zu verständigen, dass dieses Forum dazu da ist, andere schnell kontaktieren zu können. Wenn das klappt, dann funktioniert die Community, auch ohne Diskussionen im Forum.

    Aber ich bin gespannt, was Du berichten wirst und wie sich das Forum entwickelt.

  • 2 Jennifer // Jun 15, 2008 at 14:09

    Da triffst Du den Nagel auf den Kopf. Das Hauptanliegen ist, eine Kontaktbörse zu sein. Und insofern hast Du recht, dass nicht viele Forumsbeiträge von Nöten sind. Andererseits ist dieses Forum für Menschen gemacht, die aktiv am digitalen Wandel in der Film- und Fernsehindustrie arbeiten - sprich die Filmschaffenden selbst. Und da kommen wir zum zweiten Daseinszweck: eine Plattform zum Austausch über ein unendlich kompliziertes und gerade sehr im Fluss begriffenes Thema zu sein. Dafür wird es gar nicht genutzt. Und da will ich noch mal ran…

  • 3 Social Networking im Kunst- und Kulturbereich: worauf warten wir eigentlich? « Das Kulturmanagement Blog // Jun 16, 2008 at 8:04

    [...] so ein Social Network für ein Volunteer Programm nutzen könnte. Aber auch sie stellt fest, dass Communities im Kultursektor noch eine rare Spezies sind. Wenn man sich die diversen Foren und Gruppen anschaut, wenn man nachforscht, wer aus dem Bereich [...]

  • 4 burkhard | Die Bedeutung von Social Networking für ein Kulturangebot // Jun 16, 2008 at 11:26

    […] Nun sitze ich hier mit meinen Zahlen und in Anknüpfung an die Überlegungen von Karin Janner und Christian Henner-Fehr, ringe ich um eine Beurteilung. Gefragt sind offiziell nur die lebendigen Besucher. Dies wird auch die Bemessunggrundlage sein für Erfolg oder Mißerfolg der hessenweiten Veranstaltung[…]

  • 5 Karin Janner // Jun 16, 2008 at 14:44

    Ich hab`s schon in meinem Blog (in den Kommentaren) geschrieben, nun auch noch hier, doppelt hält besser ;-)

    Schön, dass Du Deine Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema gleich in einen eigenen Beitrag verpackt hast. Vielen Dank für Deinen interessanten Artikel!
    Ich gebe Dir recht, Web 2.0 kann man nicht nur für`s Marketing einsetzen (aber da ich ja ein Marketingblog schreibe, untersuche ich hier natürlich vor allem die Einsatzmöglichkeiten im Marketing).
    Mein Marketingbegriff ist übrigens sehr weit gefasst, und Deine Idee, die Teilnehmer eines Volunteer Programmes (zusätzlich) über eine Internetcommunity zu vernetzen, würde für mich unter „internes Marketing“ fallen.
    Wie man Mitarbeiter, Freiwillige, Ehrenamtliche… in ein Unternehmen, ein Projekt, eine Kultureinrichtung einbindet und welche Möglichkeiten dafür Web 2.0 bietet, das ist auch ein interessantes Thema; ich habe vor, diesem Thema einen meiner nächsten Beiträge zu widmen.

    Zu Deiner INSIGHT OUT Community: (Du hast das Projekt übrigens gar nicht verlinkt): Was soll nun dort noch abgehen? Ich dachte, das Projekt ist abgeschlossen, oder wird das Projekt wiederholt…? Hab ich nicht richtig verstanden…
    Oder willst Du nun ein allgemeines Forum über die Film- und Fernsehindustrie draus machen?
    Ich freue mich auf jeden Fall, Deine Erfahrungsberichte in Deinem Blog zu lesen!
    Liebe Grüße, Karin

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