Internet Communities im Kultursektor: eine rare Spezies

Karin Janner hat in ihrem Kulturmarketing-Blog einen interessanten Artikel zur Frage geschrieben, wie Kulturanbieter social communities nutzen könnten, um Freundeskreise aufzubauen - und das dies bisher viel zu wenig geschieht. Dazu möchte ich noch anhand zweier Beispielen einige Ergänzungen machen, da meiner Meinung nach viele Kulturanbieter (genauso wie auch immer noch viele Firmen) zu kurz denken, wenn sie das Web 2.0 nur als Marketinginstrument begreifen. Ich glaube, dass sich darüber ganz neue Möglichkeiten für alle möglichen Institutionen eröffnen und möchte diese hier kurz skizzieren.
Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Dir, liebe Karin, unterstelle ich diese Denke natürlich nicht ;-)

Beispiel Chester Beatty Library, Dublin

Die Chester Beatty Library (kurz CBL) hat eine der weltweit schönsten und besten Sammlungen alter Schriften - von frühen christlichen Papyrus-Texten über traumhafte schön illuminierte Koran-Handschriften bis hin zu wichtigen buddhistischen Texten. Die CBL hat auch ein gut organisiertes “Volunteer-Programme”: freiwillige oder ehrenamtliche Mitarbeiter sind beispielsweise die Tourguides für Besuchergruppen (und davon gibt es viele!). Ich war auch mal so ein Volunteer und kenne es daher gut.

Das Chester Beatty Volunteer Programm

Was den Volunteers geboten wird:

Aufgaben & Zusammensetzung der Ehrenamtlichen

Warum ich all das so ausführlich beschreibe? Es liegt auf der Hand. Die Volunteer-Aktivitäten würden sich bestens eignen, um sie über z.B. eine geschlossene Facebook- oder MySpace-Gruppe (oder anderen Foren, wie Karin sie vorschlägt) zu organisieren. Für die CBL trifft das natürlich nur bedingt zu, da aufgrund des relativ hohen Altersdurchschnitts vermutlich nur wenige der Chester Beatty Volunteers auf Facebook zu finden sind. Doch für eine Einrichtung mit überwiegend jugendlichen Freiwilligen würde sich das lohnen.

Grundsätzlich sei hier noch angemerkt, dass diese Form des Volunteerings oder ehrenamtlichen Dienstes leider viel zu wenig verbreitet ist in Deutschland. Es gab keine besseren Ambassadoren für das Museum als uns Freiwillige: alle von uns machten den Job aus tiefer Überzeugung und ich habe sämtliche meiner Dubliner Freunde bearbeitet, doch endlich mal diesen wunderbaren Ort zu besuchen.

Projektarbeit über Internetforen

Die CBL und das Draíocht Arts Centre in Blanchardstown (Dublin) haben im April diesen Jahres ein Projekt mit 148 Migratenkindern im Grundschulalter durchgeführt unter dem Titel “Tell your story“. Zum Auftakt gab es einen Besuch in der CBL, gefolgt von über 50 Workshops zum Geschichten erzählen, zu Lyrik und darstellender Kunst. Nach den sechs Wochen Projektarbeit in den Klassenzimmern gab es an einem Samstag eine feierliche Abschlussveranstaltung, zu der auch alle Eltern und Familien eingeladen wurden. Die Workshopergebnisse wurden ausgestellt (von Tonmasken bis hin zu handbemalten “journey scrolls”). Das ganze Projekt wurde von einem Filmteam begleitet, so dass jedes Kind am Ende auch eine DVD erhält. Für ähnliche Projekte mit etwas älteren Kindern liessen sich doch social communities bestens einbinden, um so die Ergebnisse auch noch weiter im Freundeskreis der Kinder streuen zu können (statt die DVD rumzureichen schickt man dann nur noch den Link zum Video).

Schwierigkeiten beim Aufbau von Communities

Wie von Karin bereits angedeutet und auch anderswo diskutiert, gibt es mittlerweile ziemlich viele tote Communities im Netz. Eine davon gehört zu meinem INSIGHT OUT Projekt, für das wir eine geschlossene Community basierend auf der Open-Source-Software Simple Machines Forum aufgesetzt haben. Nachdem Launch Anfang diese Jahres haben sich gleich diverse Leute angemeldet, inklusive Jim Rygiel, dreifacher Oskar-Gewinner für die visuellen Effekte in Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Trilogie. Er war einer der ersten, der sich anmeldete, und ich war stolz wie Bolle darauf.

Doch das hilft nicht viel, wenn aufgrund der dünnen Personaldecke in vielen Kulturinstitutionen einfach niemand da ist, der sich täglich um die Web Community kümmern kann. Bezeichnend fand ich in diesem Zusammenhang den Kommentar von Dirk Heinze, Geschäftsführer des erfolgreichsten Netzwerks im Kulturmanagement Sektor, dem Kulturmanagement Network, zu einer lebhaften Diskussion auf Karins Blog (siehe Kommentar Nr. 14). Der Status Quo heißt deshalb: Zeit in den Aufbau von Webcommunities zu investieren ist für die meisten Kulturinitiativen nur dann möglich, wenn sich daraus ein direkter finanzieller Vorteil ergibt (sei es durch mehr Besucher, Förderer oder Medienresonanz), da der hohe personelle Aufwand gegenüber den Geldgebern gerechtfertigt werden muss. Und die haben leider häufig noch nicht mal das Web1.0 verstanden…

Ich werde jedenfalls in den nächsten Monaten an dieser Stelle über meine Wiederbelebungs-Versuche für das INSIGHT OUT Forum berichten. Noch will ich mich nicht geschlagen geben, ein Modus wie man es aktiv und von den Mitgliedern genutzt halten kann, der mit 3 Stunden Zeitaufwand pro Woche zu bewältigen ist, muss sich doch finden lassen!

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Kommentare ( 1 Kommentar )

[…] Nun sitze ich hier mit meinen Zahlen und in Anknüpfung an die Überlegungen von Karin Janner und Christian Henner-Fehr, ringe ich um eine Beurteilung. Gefragt sind offiziell nur die lebendigen Besucher. Dies wird auch die Bemessunggrundlage sein für Erfolg oder Mißerfolg der hessenweiten Veranstaltung[…]

burkhard | Die Bedeutung von Social Networking für ein Kulturangebot schrieb diesen Kommentar am 16. Juni 2008 um 11:26

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