Transmediale 09: Gefühlskälte im tiefen Norden?

transmediale.09 postcardVor zwei Tagen ging die transmediale.09 zu Ende, die ganz im Zeichen des Klimawandels gemäß dem diesjährigen Motto “Deep North” stand. Da ich nur einige Stunden am Freitag Zeit hatte, mich vor Ort im Haus der Kulturen der Welt umzuschauen, soll dies hier keine ausführliche Kritk des Festivals werden, sondern nur ein paar Bemerkungen vor allem zur Ausstellung bieten.

Flüchtlingslager zum Netzwerken

Transmediale Foyer designed by Raumtaktik

Transmediale Foyer designed by Raumtaktik

Beim Betreten des Hauses der Kulturen der Welt überraschte einen sogleich das eigenwillige, provisorische und wie ich fand großartige Aussstellungsdesign des Berliner Büros Raumtaktik. Holzlatten, Planen, Wellblechstücke und Sperrholzplatten waren im Foyer und der Ausstellungshalle verspannt und genagelt zu temporären Schutzecken. In diesem Berliner Inneraum schaute es aus wie sonst an asiatischen Küsten nach einem Taifun, wo Menschen die wenigen verbliebenen Baumaterialien zu Notunterkünften zusammenzimmern. Zwischen diesen Verschlägen waren Schaumstoffmatrazen hingeworfen, auf denen die Festivalbesucher diskutierten, einfach nur abhingen oder am Laptop computerten. Klug und preiswert zugleich: Dank der Matrazen herrschte eine lässig-lockere Atmosphäre, die zum Verweilen und Austausch mit dem Menschen, der neben einem auf der Matraze rumlümmelt, einlud.

Die Ausstellung: transmediale award

Flimmernde Bildschirme, Projektionen auf den Planen und entrückte Soundlandschaften dominierten die Ausstellung. Mit den meisten Werken tat ich mich schwer, sie blieben mir fremd, die eine oder andere Idee war interessant, doch nur Weniges berührte mich in irgendeiner Weise. Die meisten Werke transportierten für mich die emotionale Kälte des Mottos. Zwei Stücke möchte ich kurz darstellen, eines das ich ausgesprochen gelungen fand und durch ein hohes künstlerisch-technisches Niveau auffiel und eines, das zwar irgendwie interessant war und für das Anliegen der Transmediale durchaus repräsentativ ist, für mich jedoch zu abstrakt blieb. Außerdem gibt es noch 4 online Projekte, die quasi eine online Erweiterung der Ausstellung sind und auch nach dem Ende des Festivals noch besucht werden können.

Esther Polak: NomadicMilk
polak  090117wsidiris03 0 Transmediale 09: Gefühlskälte im tiefen Norden?Mit Hilfe von GPS-Daten werden die Routen zwei sehr unterschiedlicher Milchtransporteure verglichen: Einerseits ein nomadisch lebender Kuhhirte vom Stamm der Fulani und zum zweiten ein LKW der Firma Peak Milk, die ihre Produkte bis in die hintersten Ecken Nigerias liefert. Das Projekt NomadicMilk ist relativ breit angelegt. Auf der Transmediale war nur ein geringer Ausschnitt davon zu sehen: kleine, knapp Schuhkarton-große ferngesteuerte Roboter mit 4 Rädern und einer Plastikflasche gefüllt mit Vogelsand oben drauf. Diese Roboter malten Sandlinien auf den Boden, die so die von Nomaden und LKW genutzten Routen visualisierten. Darüber hingen Radios in der Luft, aus denen Tonmitschnitte mit Unterhaltungen mit den Protagonisten zu hören waren. Dann wurde auch noch ein Video projeziert, dass die Künstlerin in Nigeria mit den Protagonisten zeigte, vor denen die Roboter Vogelsandlinien auf die rote, staubige Erde zeichneten. Sicherlich hat dieses Projekt eine dokumentarisch-ethnologische Dimension, die ich nicht beurteilen kann, da mir das Fachwissen fehlt. Die Visualisierung und darauf basierende Analyse der verschiedenen Routen liefert bestimmt wertvolle Informationen, wenn man sich für die Milchdistribution in Nigeria interessiert. Als Kunstinstallation fand ich die Bilder jedoch befremdlich. Da steht eine weiße Frau mit mehreren Nigerianer irgendwo in Afrika, gemeinsam starren sie auf diese kleinen sandlinien-malenden Roboter. Ich hatte sofort Assoziationen im Kopf von Europäern, die im vermeintlichen Indien Glasperlen an die dort lebenden Menschen verteilen. Die Installation bekam dann noch eine absurde Dimension, als die Künstlerin mit einem kleinen Pinsel die Vogelsandlinien wieder „begradigte“, nachdem im Laufe des Tages mehrere Besucher diese etwas breit getreten hatten. Ich fand die künstlerische Umsetzung, sprich die gestalterische Dimension der Installations, weder besonders ansprechend noch einfallsreich.

Reynold Reynolds: Six Apartments

Video still from Six Apartments

Video still from Reynold Reynolds Six Apartments

Das Splitscreen-Video vom US-Experimentalfilmer Reynold Reynolds gewann den zweiten Preis des transmediale Awards und war für mich das überzeugendste Werk in der gesamten Ausstellung. Aus dem Katalogtext: „In einer poetischen Erzählung von Resignation und Verfall portraitiert Reynolds in seiner Videoinstallation sechs Menschen in ihren Wohnungen. Isoliert voneinander, doch durch die Massenmedien Radio und Fernsehen miteinander verbunden, werden ihre undramatischen Lebensläufe – essen, schlafen, fernsehen – zwar von Nachrichten über die Probleme der Welt und bevorstehende Umweltkatastrophen überlagert, jedoch nicht weiter tangiert.“ Durch die Splitscreen-Technik sind immer zwei Wohnungen gleichzeitig zu sehen. Wenn ich das auf Reynolds Website recht verstanden habe, ist Six Apartments keine dokumentarische, sondern eine inszenierte Arbeit. Durch sehr geschickte und subtile Montage und ausgeklügelte Kamerafahrten beziehen sich die Bilder auf den zwei Leinwandhälften, die jeweils dargestellten einsamen Leben aufeinander ohne dass die Protagonisten etwas von einander ahnen. Das isolierte Leben in allen sechs Wohnungen steuert, qualvoll langweilig auf Tod und Verfall zu. Selten habe ich eine so beklemmende Darstellung des Lebens in urbaner Isolation gesehen. Wird so unser Dasein aussehen, wenn wir von Freunden und Nachbarn entfremdet in überfluteten Großstädten vor der Flimmerkiste auf den Tod warten?

Online Ausstellung

Die Transmediale verlinkt von ihrer Website zu 4 online Projekten, die auch nach dem Ende des Festivals im Web erreichbar bleiben. Dazu gehören zwei spannende Browser-Plugins, die allerdings für Europäer nicht wirklich von Nutzen sind: das Real Costs Plugin berechnet auf (nordamerikanischen) Fluglinien-Websites den CO2-Ausstoß für die gewählte Flugreise. Das Oil Standard Plugin ermittelt die Anzahl der Ölfässer zum gerade aktuellen Ölpreis für beliebige $-Beträge auf ausgewählten Websites. Als hätte Finanzminister Steinbrück die beiden Plugins zusammen mit der Abwrackprämie erfunden ;-)

Vom Kühlschrank zu computer-basierter Kunst

Im Filmprogramm habe ich zwei wunderbare Werbefilme aus den 60′ern gesehen, die die Segnungen des damals hochmodernen Eisfachs priesen (z. B. “Lebensmittel im Eisschlaf” für AEG), filmisch effektvoll im Stile der 60′er umgesetzt. Im Lichte dieses Vergleichs (damals aktuelle Themen werden mit den zu der Zeit modernsten Mitteln beschrieben) komme ich zu dem Schluss, dass die Transmediale 2009 ganz ihrem Anspruch gerecht wurde, mit Hilfe von Kunstwerken, die gegenwärtige Medientechnologien nutzen, eine Aussage zum Zustand unserer Gesellschaft zu treffen. GPS-Daten, Eyetracking, digitale Filmeffekte und elektronische Musik, die aus 5.1 Soundsystemen dröhnte – die Künstler setzten ein, was gerade der neueste Stand der Technik ist und stellten in ihren Kunstwerken kritische Fragen zum Zustand unserer Gesellschaft. Einige dieser Kunstwerke waren zumindest für mich auch Anstoß  zu Diskussionen mit Freunden und mehreren Webrecherchen zu bestimmten Themen. Wenn ein Festival dies zu leisten im Stande ist, dann machen die Macher etwas richtig. Trotzdem war dieses Befremden, das schulterzuckende “Das ist interessant, berührt mich aber nicht weiter” das vorherrschende Gefühl. Ob man dessen Ursache den Kunstwerken bzw. Festival zuschreiben sollte oder es als symptomatisch für unsere Zeit deuten möchte – das ist schwierig zu beantworten. Reynold Reynolds Experimentalfilm überzeugte vor allem, weil er die technischen Mittel (VFX, komplizierte Kamerafahrten etc.) seiner künstlerischen Vision unterordnete und ein konsequentes gestalterisches Konzept verfolgte. Bei vielen anderen Werken hatte ich oftmals das Gefühl, dass die Künstler sich in den technischen Möglichkeiten verheddert hatten statt sich auf die KUNSTvolle Umsetzung ihres Themas zu konzentrieren.

Noch als Nachtrag für alle, die die Transmediale nicht kennen:

Was ist die Transmediale eigentlich?

Die Transmediale wurde anno 1988 ins Leben gerufen, als eine Videofilmsektion der Berlinale für all jene Filme, die auf elektronischen Medien basierten und so nicht in den Kontext eines normalen Filmfestivals gezeigt wurden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die transmediale weiter und wurde größer: eine jährliche Ausstellung, Konferenz und der Club Transmediale, der sich der elektronischen Musik und Clubkultur widmet, kamen hinzu, man zog in das Haus der Kulturen der Welt um, die Kulturstiftung des Bundes stieg als einer der Hauptförderer ein für dieses, wie es in der Förderbegründung der Kulturstiftung heißt, „Leuchtturmprojekt der Gegenwartskunst“. Mittlerweile trägt die transmediale den Untertitel „festival for art and digital culture“ und bietet künstlerischen und theoretischen Arbeiten eine Plattform, die „nicht nur auf neue technische Entwicklungen reagieren, sondern Einfluss auf die Art und Weise ausüben, wie wir diese Technologien erfahren. Die transmediale versteht Medientechnologien als Kulturtechniken, die man sich aneignen muss, um durch sie unsere heutige Gesellschaft verstehen, kritisieren und gestalten zu können.“ (aus dem „über uns“ Text von der Website). Jedes Jahr hat die Transmediale ein übergeordnetes Motto: Letztes Jahr war es „conspiracy“, dieses Mal ging es um den Klimawandel unter dem Titel „deep north“.

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Kommentare ( 4 )

Interessanter Bericht, vielen Dank! Was mich interessieren würde: inwieweit sind bei den Projekten, die bei diesem “festival for art and digital culture” vorgstellt werden, auch die UserInnen miteinbezogen? Wird die Trennung zwischen KünstlerInnen und Publikum aufgehoben oder existiert sie weiterhin?

Christian Henner-Fehr schrieb diesen Kommentar am 7. Februar 2009 um 17:16

Hi Christian,

danke für den Kommentar. Nee, so richtig interaktiv war da nichts – zumindest nicht in der Ausstellung und von den Performances habe ich nur zwei gesehen, die aber auch nur passives Sehen und Hören vom Publikum erwarteten.

Axel Roch: Ambiguous Signalscapes
In der Ausstellung bildete einzig Axel Rochs Installation “Ambiguous Signalscapes” eine Ausnahme. Dafür wurde mit Hilfe von Eyetracking-Technologie die Augenbewegung des Betrachters verfolgt und diese dann als Berglandschaft oder Wolkenmuster visualisiert. Für mich hatte diese Arbeit eine sehr schöne geometrisch-poetische Dimension.

Jennifer schrieb diesen Kommentar am 8. Februar 2009 um 13:38

mmh, schade, dass das Potenzial der digitalen Welt nicht wirklich ausgenutzt wird. Für mich wirkt das dann häufig sehr beliebig…

Christian Henner-Fehr schrieb diesen Kommentar am 8. Februar 2009 um 14:31

Ja sehe ich ähnlich. Die Autorenschaft des Künstlers und sein/ihr Wille zur Kontrolle über das Kunstwerk scheint vielfach jegliche Form der Interaktion leider auszuschließen…

Jennifer schrieb diesen Kommentar am 8. Februar 2009 um 14:39

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