“Bits wollen frei sein!” Nr. 1: Republica 09
Zeitnahe Besprechungen von Veranstaltungen sind meine Sache nicht und so gibt es mal wieder Wooooooochen später eine kleine Nachlese zur Republica 09. Die zum ersten Digital Film (Bar)Camp in Berlin folgt in Kürze.
Die Republica ist rasant von einem gemütlichen Treffen von Insidern anno 2007 zu einer auch in den „alten“ Medien viel beachteten Konferenz mit 1500 Teilnehmern in diesem Jahr gewachsen. Wie bei jeder Konferenz gab es gute und grottige Vorträge und dann noch einige echte Höhepunkte (siehe Zitate, Kommentare und Linkls weiter unten).
Ich habe viel darüber nachgedacht, worin der spezifische Wert dieser Konferenz besteht. Letztlich ist es wie bei allen guten Veranstaltungen dieser Art: der allergrößte Wert ist die Vernetzung realer Menschen unter einem realen Dach. Bei einer Bloggerkonferenz führt das zu dem unterhaltsamen Phänomen, dass man unerwartet mit Menschen an der Bar steht und diese nur anhand ihres Namensbadges als jemanden erkennt, mit dem man sich schon des öfteren per Blogkommentar, Mail u.ä. ausgetauscht hat. Hat mehrfach zu lustigen Begegnungen geführt
Für mich völlig überraschend war das erstaunlich starke und wohlige Gefühl, sich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten real zu tummeln, einer Gemeinschaft von Leuten, die die gleichen Interessen und Anliegen als Netzbürger haben wie icke. Wie bei jeder Gemeinschaft haben solche Versammlungen auch den Zweck, sich in den eigenen Überzeugungen durch Rituale zu bestärken. Überspritzt formuliert: die Twitterwall und das Netbook auf dem Schoß als gemeinschaftsstiftende Elemente der Blogosphäre. Plötzlich fühlt man sich zu einer kulturellen und gesellschaftlichen Avantgarde gehörig, nur weil man Creative Commons für eine kluge Idee hält und das Verhalten der Musik- und Filmindustrie als einschneidende Beschränkung unserer Kultur betrachtet. Als jemand, der hauptberuflich in der Filmbranche arbeitet, ist das ein sehr widersprüchliches Gefühlt…
Alle Vorträge wurden live gestreamt und können auch im Nachhinein bei make.tv angeschaut werden. Hier eine kleine Auswahl und ein paar Zitate von den Veranstaltungen.
Mein absoluter Favorit war Lawrence Lessings Vortrag. Lessig ist einer der Begründer der Creative Commons und hat eindrucksvoll vermittelt, wodurch die noch zarte Pflanze Netzkultur bedroht ist. Aber was heißt hier Vortrag, das war eine Performance! Der quasi-religiöse Charakter dieser Performance wurde in der taz übrigens sehr gut beschrieben. Als frisch bekehrte Jüngerin stürmte ich sogleich vom Friedrichstadtpalast zu einer großen Buchhandlung nur wenige Meter entfernt. Und wo fand sich Lessig’s Buch zur “Remix-Culture”? In der Rubrik “Computer für Einsteiger” // tsetsetse // Die alten Medien kapieren es echt nicht! Zitate aus Lessigs Vortrag:
“With a book, to read it, lend it to somebody, to sell it, event to sleep on a book: it’s not regulated anywhere. Just because the platform was changed [from analog to internet], suddenly all of these rights to use digital contents just as we used to use books have been taken away.” // “The war on piracy is a war of prohibition. And just like prohibition didn’t work, this war has not changed anything, peer2peer is still growing.” // “Amateurs should be free to speak, to be remixing and sharing with others.” // “A significant space of culture needs to be deregulated!”
Sehr beeindruckt hat mich Esra’a Al Shafei’s Vortrag über die Arbeit des von ihr begründeten Mideast Youth Networks. Nicht wundern, dass sie nicht in der Aufzeichnung ihres Vortrags zu sehen ist: Da Esra’a wegen ihrer Forderung nach Redefreiheit in ihrem Heimatland Bahrein immer mit einem Fuß im Gefängnis steht, bat sie darum, dass keine Bilder von ihr gemacht werden. Und so gibt es auch von ihr an dieser Stelle einige Zitate:
“The internet is the only tool that we can use to be really free! It is the only ressource allowing us to communicate with whoever we want [in bestimmten arabischen Ländern ist der Kontakt zu Israelis verboten, aber über das Internet können z.B. auch Libanesen mit Israelis sprechen].” // “With the internet, people are fighting for human rights, for instance religious minorities. They were not able to participate in the old media, since they are state-owned or controlled, but they are now very visible on the web. These people have always been oppressed and their voices could never be hear before the internet.“ // “People use the internet to fight for their right to exist.” // “Women are the face of change in the middle east!“ // “People in the middle East are very skilled in hiding their real identities from their online identities. People there don’t think about is ‘facebook making money of me’. The only thing we think about is freedom of speech and we use whichever platform helps us with this issue.”
Wer sich für ihre Arbeit interessiert, sollte sich die Free Kareem-Kampagne, die Kampagne für die Rechte der religiösen Minderheit der Bahai (der Remix des Films Persepolis ist super!) oder Postcards for Iran anschauen.
Begrüßenswert fand ich eine kleine Diskussionsrunde mit Rangeen Horami und Oliver Passek vom Medienboard Berlin-Brandenburg. Das Medienboard vergibt die Filmfördermittel in der Hauptstadtregion und unterstützt auch viele Veranstaltung im Medienbereich, wie z.B. auch die Republica oder die von mir organisierte INSIGHT OUT / HFF Academy. Unter dem Titel “Herausforderungen und Chancen digitaler Medienförderung” diskutierten die beiden sehr offen mit dem Publikum. Wie kann solch Förderung strukturiert werden, welche Bedarfe gibt es? Diese Fragen wurden vom Medienboard in die Runde geworfen, denn man suche selbst noch nach den Antworten und erhoffe sich von dieser Diskussion einige Anstöße, wie man diese noch junge Branche unterstützen könne.
In der Kategorie “grottig” fand sich aus meiner Sicht die Diskussion mit dem provokanten Titel “Wenn Frauen bloggen - Warum Babykotze genau so relevant ist wie das iPhone”. Nun bin ich erst am Ende dazu gestoßen, aber da entspannte sich gerade eine Diskussion rund um die Frage, ob Frauen benachteiligt seien in der Blogosphäre oder nicht. Die wurde schnell wirklich schlecht, es wurde mit dummen Klischees argumentiert (Männer vernetzen sich nur untereinander und deshalb gab es beim “Deutschen Blogger Panel” auf der Republica auch keine Frau) und keine Antwort darauf gegeben, ob Frauen nun strukturell benachteiligt sind im Netz oder nicht. Meiner Meinung nach waren sie auf dem Holzweg: Gerade Web2.0-Technologien wie Facebook, Wordpress etc. sind mittlerweile so einfach zu bedienen und kostenfrei, dass es weder technische noch finanzielle Hindernisse gibt, sich selbst im Netz zu artikulieren, sich zu vernetzen und seine eigenen Themen auf die Agenda zu bringen. Da von struktureller Benachteiligung zu sprechen, halte ich für völligen Mumpitz, mittlerweile kann man doch nur noch sagen “Schuld eigene”, wer sich nicht engagiert. Wer eine etwas weniger polemische Nachlese zu diesem Thema wünscht, lese hier. Auch von diesem Panel gibt es ein paar nette Zitate, beide übrigens von Männern, die etwa zu einem Drittel im Publikum vertreten waren:
“Das hier ist der Zoo, um die Frauen anzugucken. Alle, die hier [auf der Republica] sind, um darüber zu reden, was sie machen, sitzen anderswo. Die die hier sind, sind als Frauen da.“ // “Da vorne sitzen 5 interessante Frauen, warum redet ihr über Geschlechterrollen und nicht über die Inhalte Eurer Blogs?“
Trotz dieses einen wirklich ärgerlichen Panels, gibt es für mich ein klares Fazit: schön und spannend war’s. Die Ansammlung der Szenelegenden war wirklich beeindruckend. Auch fühle ich mich jetzt nicht mehr ganz so nerdig, ist doch auch hübsch
Nächstes Jahr bin ich jedenfalls wieder dabei!
Andere Artikel
- « Transmediale 09: Gefühlskälte im tiefen Norden?
- » “Bits wollen frei sein!” Nr. 2: Digital Film Camp






