Fallstudie Filmmarketing in sozialen Netzwerken, Teil 2: Die IRON SKY Fanpyramide

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The second part of the analysis of the IRON SKY marketing. This blog post attempts a categorisation of the potential audience for a movie and how they interact with a film online and via social media.

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truthtodayonline Fallstudie Filmmarketing in sozialen Netzwerken, Teil 2: Die IRON SKY Fanpyramide“Nazis auf dem Mond – Space Nazis on the Moon!” Ein Zeitungsjunge in Tweedhose und mit Schiebermütze steht  vor dem Martin-Gropius-Bau, wo der European Filmmarket abgehalten wird, und verteilt eine Zeitung namens “The Truth”. Ich lasse mir ein Exemplar von ihm geben und tatsächlich, da steht was von Nazis auf dem Mond. Die Zeitung sieht ziemlich selbst gemacht aus, auf den vier Seiten finden sich lauter Artikel, an denen Leute offensichtlich viel Spaß beim Schreiben hatten (z.B. “German Biologist killed in Freak Accident by Extinct Bird”). Wieder daheim, google ich sogleich nach den Spacenazis. Das war zur Berlinale 2009 und so habe ich zum ersten Mal von dem Filmprojekt IRON SKY erfahren. Der Humor der Website trifft den meinen, die Ästhetik finde ich passend und sehr unterhaltsam. Insgesamt unterscheidet sich die Website deutlich von den gängigen Filmseiten. So kaufe ich zwar keine Kriegsanleihen (für 50€ bekommt man eine DVD von dem noch zu drehenden Film, Poster und einige andere Merchandise-Artikel und hilft gleichzeitig dem Team mit der Finanzierung der Produktion), recherchiere jedoch ein wenig den Hintergrund des Teams, wie in Teil 1 des Artikels über das Marketing von IRON SKY beschrieben. Im ersten Teil des Artikels habe ich die verschiedenen Kommunikationskanäle und wie diese vom IRON SKY-Team genutzt werden, beleuchtet. Heute soll es darum gehen, wie sich das nun aus der Sicht des Publikums darstellt.

Aus Neugierigen werden Fans

Eines der häufig genutzten, aber grob vereinfachenden Modelle, um die Aktivitäten von Leuten in sozialen Netzwerken zu beschreiben, ist das Pyramidenmodell. Jeweils 10% der Nutzer von einer Ebene schaffen es auf die nächst höhere. Je weiter man nach oben in die immer dünner werdende Spitze gelangt, desto höher die Aktivität und das Engagement der Nutzer. Die breite Basis der Pyramide wird von rein passiven, nur mitlesende Menschen gebildet. So weit, so offensichtlich.

Gut dargestellt wurde das z.B. von den Damen und Herren bei Technology in the Arts, wie in einer kürzlich veröffentlichten Präsentation zu sehen ist. In Anlehnung an deren Modell und Darstellung habe ich versucht, deren Pyramide auf das Filmmarketing und den speziellen Fall von IRON SKY zu übertragen. Da Filmkritiken ja auch immer diese unsäglichen 1 bis 5 Sterne Bewertungen haben, dachte ich, dass es ganz passend wäre, die verschiedenen Fanebenen entsprechend einzuteilen und zu beschreiben. Die englischen Begriffe in Klammern weisen auf die von Technology in the Arts verwendeten Kategorien hin.

Also, mit der Ausgabe von “The Truth” in der Hand vor einem Jahr fing ich als 1-Sterne-Besucherin an.

1 Stern – einmalige Besucher (“Spectator”): Irgendwie hört man was von diesem Projekt – entweder, weil man in der Facebook-Status-Leiste sieht, das ein Freund jetzt Fan von IRON SKY ist, oder man erhält den Link zur Website gemailt (so wie ich das dann sogleich nach dem ersten Googlen getan habe und damit auf die Ebenen 2 und 3 der Pyramide empor kletterte). Man schaut sich vielleicht den Teaser an, schaut sich kurz auf der Website um und informiert sich über den geplanten Film. Alexa weist aus, dass etwa 20% der Ironsky-Website-Besucher über eine Suchmaschine dorthin gelangen (Suchbegriffe ironsky oder moon nazis). Youtube weist über eine Million Views für den Teaser aus, der Einfachheit halber – und damit extrem niedrig angesetzt – nehmen wir diese Zahl als Basis für die Pyramide: 1.000.000.

Der 2 Sterne registrierte Fan (“Joiner): Von dieser Masse an Leuten werden 10% etwas aktiver, indem sie beispielsweise Fan von Ironsky auf Facebook oder Twitter werden. Diejenigen, die sich über eines der sozialen Netzwerke mit Ironsky verbinden, können dann tatsächlich schon als Fans bezeichnet werden. Sie erhalten mindestens alle ein bis zwei Wochen Updates über die Entwicklung der Filmproduktion und werden, wenn der Film in die Kinos kommt, bereits mit den Hauptcharakteren und dem Plot vertraut sein. Wenn ich mich bewußt dafür entscheide, über 6 Monate oder gar 2 Jahre die Entwicklung einer Filmproduktion zu verfolgen, ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr hoch, dass ich dann am Ende auch ins Kino gehe, wenn der Film endlich distribuiert wird (geplanter Filmstart für IRON SKY ist in 2011). Hier scheinen mir die 10% allerdings sehr hoch gegriffen, da sich die Summe der Abonnenten, Follower etc. auf den diversen Plattformen auf etwa 14.000 (ohne Flickr) beläuft, also eher 1-2% ausmacht. Wie die weiteren Zahlen zeigen werden, ist der Schwund vom 1-Sterne zum 2-Sterne-Fan am größten.

Der 3 Sterne bewertende & kommentierende Fan (“Collectors & Critics”): Von diesen registrierten Fans werden wiederum ca. 10% mal einen Kommentar hinterlassen, für ein künftiges Screening in der eigenen Stadt abstimmen, eine Video- oder Fotobewertung auf Youtube/Flickr abgeben und ganz sicher auch ihren Freunden von diesem neuen Filmprojekt berichten. Das geschieht dann, indem ein Link zum Teaser, zur Website oder ähnlichem verschickt wird. Auf der IRON SKY Website kann man für eine Vorführung des Films in der eigenen Stadt stimmen, etwa 4.000 Leute haben das getan. Bei Facebook habe ich mir mal alle Profileinträge angeschaut, die ohne weiter zu klicken zu sehen sind und ausgerechnet, wieviele Kommentare im Durchschnitt hinterlassen werden (11 Kommentare pro Eintrag bei knapp 9.000 Fans). Zwischen 22.12. und 05.03. wurde durchschnittlich alle 2,6 Tage ein neuer Post bei Facebook veröffentlicht, dieser jeweils 11 mal kommentiert, macht auf’s Jahr gerechnet 1.500 Kommentare, aber eben natürlich nicht von 1.500 verschiedene Leuten. Wenn man nun allerdings noch die “Find ich gut”-Bewertungen bei Facebook und sämtliche Bewertungen bei anderen Netzwerken, Abstimmungen für Filmvorführungen etc. dazu addiert, liegen wir grob geschätzt irgendwo zwischen 20% und 40%.

Der 4 Sterne Aktivfan (“Creator”): Hier wird meiner Meinung nach eine wichtige Schwelle überschritten: aus einem passiven, “nur interessierten” Fan wird jemand, der irgendwie aktiv werden möchte und ein besonders hohes Interesse an dem Film hat. Das können diejenigen sein, die Kriegsanleihen oder Merchandise kaufen und/oder regelmäßig Tweets von Energia retweeten oder auf ihrem Blog immer mal wieder darüber berichten oder dorthin verlinken. Das sind diejenigen, die auf jeden Fall selbst ein Kinoticket kaufen werden. Aber der 4 Sterne-Fan fungiert auch als Multiplikator, indem er aktiv andere auf den Film aufmerksam macht. Letztlich kann sich eine Filmproduktion nur über verkaufte Kinotickets und DVDs refinanzieren, insofern ist der 4 Sterne Fan in zweifacher Hinsicht besonders wichtig: als potentieller Kinobesucher und als Multiplikator. Bei der Google-Blog-Suche findet man derzeit etwa 15.000 Treffer für Ironsky, davon sind etwa 30% nicht relevant, macht etwa 10.500 Blogeinträge. Bisher habe ich noch keinen Weg gefunden, wie man die Anzahl von Tweets herausfinden kann zu bestimmten Themen / Hashtags (Nachhilfe ist gerne willkommen!). Aber auch ohne Tweets zeigen die 10.500 Blogeinträge, dass das 10% Modell hier schon überhaupt nicht mehr zutrifft…

Der 5 Sterne Mitmachfan (“Collaborator”): die Königsklasse, die besonders gepflegt werden sollte, die aber auch zum harschen Kritiker werden kann. Das sind Menschen, die sich nicht nur für den Film interessieren, sondern sich auf irgendeine Weise damit identifizieren und diesen aktiv mitgestalten möchten, so man sie lässt. Im Nachgang zu ihrem ersten Film “Starwreck” haben die Finnen die Plattform Wreckamovie gemeinsam mit einer Partner-Firma entwickelt. Wreckamovie versteht sich als kollaborative Filmproduktionsplattform. Iron Sky ist einer der dort eingetragenen Filme, und über diese Plattform werden die Fans immer wieder zum Mitmachen aufgefordert. Dafür werden Aufgaben / Tasks bei Wreckamovie gepostet: Mal werden Statisten gesucht, mal gibt es Recherche-Aufträge aus dem Art Department: wie sehen die Einschlaglöcher von gewöhnlicher Munition in Metall aus oder Anregungen und Bilder werden gesucht, wie die Explosion eines mit “Helium 3″ (einem fiktiven Antriebsmittel) betriebenen Raumschiffs aussehen könnte. Auch die eingangs erwähnte Zeitschrift “The Truth” wurde über Wreckamovie entwickelt. Titel und Logo der Zeitung waren von den Fans gestaltet worden, ebenso schrieben sie diverse Artikel. Wreckamovie weist 1.400 Mitglieder für die IRON SKY Produktion aus (auch da liegen wir also deutlich über den 10%). Eine andere beliebte Variante, um Fans einzubinden und auch ihnen etwas zurück zu geben sind Remixe. Man stellt Musik- oder Videomaterial bereit und bittet die Fans darum, daraus etwas neues zu bauen. Vom IRON SKY Trailer finden sich immerhin 44 Remixe in der entsprechenden Playlist von Energia Productions.

Noch ein Wort zu den 5-Sterne-Fans aus denen manchmal Kritiker werden: Bei Starwreck haben mehrere Tausend Leute Raumschiffmodelle entworfen, CGI-Effekte gebastelt, 30 Sprachversionen übersetzt usw. Vor allem als Tribut und Dank an die überwältigende Unterstützung der Fans wurde Starwreck kostenlos zum Download ins Netz gestellt und wurde so zum meist gesehenen finnischen Film aller Zeiten. Doch für Ironsky hatten die Macher andere Ambitionen. Dieses Mal wollten sie eine große Filmproduktion auf die Beine stellen. Zur Finanzierung dieses vier bis fünf Millionen Euro Unterfangens wurden Produzenten an Board geholt, Filmförderung beantragt usw. Deshalb ist klar, dass Ironsky nicht zum kostenlosen Download angeboten werden wird. Darüber sind eine ganze Reihe von Starwreck-Fans nicht besonders glücklich, der Begriff vom “Sellout” machte die Runde. Gerade die kollaborative Filmproduktion und die kostenlose Verbreitung hatten Starwreck zu einem ganz besonderen Projekt gemacht. Die Macher begegneten dieser Kritik mit Verständnis, aber auch einem klaren eigenen Standpunkt: Wir wollen als Filmemacher jetzt einen anderen Film machen, haben einen anderen qualitativen und ästhetischen Anspruch an die neue Produktion. Deshalb sind die kollaborativen Aspekte der Ironsky-Produkion deutlich kleiner, hier sind erfahrene Filmleute am Werk, die dafür auch bezahlt werden. Deshalb ist dies eben auch ein Artikel über Filmmarketing und nicht über kollaborative Filmproduktion.

Die größte Herausforderung: Wie werden beiläufig Interessierte zu Fans?

Zu allererst gilt es festzustellen, dass diese Annahme, dass etwa 10% der Leute von einer Stufe zur nächsten wechseln, völliger Quatsch ist. Wie die Analyse der Zahlen gezeigt hat, scheint die höchste Hürde die zu sein, die Leute von Stufe 1 zu Stufe 2 zu bekommen. All jene, die zum ersten Mal auf der Filmwebsite, dem Film-Facebook-Profil, beim Filmtrailer auf Youtube landen, dazu zu bewegen, sich länger als nur für wenige Sekunden für den Film zu interessieren. Wie die Analyse im ersten Teil dieser Fallstudie gezeigt hat, sind auf der Website die Links zu den Präsenzen bei sozialen Netzwerken prominent platziert, bei Facebook, Twitter und Co. ist es ohnehin einfach, gleich Fan zu werden. Diese Lehre ist also so simpel wie wesentlich: Den Interessierten muss es leicht gemacht werden, sich mit dem Film in irgendeiner Form zu verlinken (und ich muss wohl auch noch mal an das Design für dieses Blog ran *Haare rauf*).

Das ist für mich die erstaunlichste Erkenntnis dieser Analyse: Wie viele Menschen bereit sind, Zeit, Hirnschmalz, Kreativität für einen Film anderer Leute aufzuwenden. Wenn man sie einmal für das eigenen Projekt gewonnen hat, dann sollte man ihnen so viele verschiedene Möglichkeiten, wie einem nur einfallen, bieten, um in irgendeiner Form aktiv zu werden. Der eigenen Kreativität und der der Fans sind dabei keine Grenzen gesetzt!

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Kommentare ( 3 )

Sehr gute Fallstudie und sehr beeindruckende Fakten. Eine paar Ideen zu möglicher Monetarisierung fänd’ ich nicht schlecht.

Klaus d'Abo schrieb diesen Kommentar am 1. Mai 2010 um 17:03

Danke für die Blumen :) Was die Frage nach der Monetarisierung anbelangt: Hier bewege ich mich natürlich auf dünnem Eis, da ich die Geschäfts-/Planzahlen für den Film nicht kenne. Wenn es um die Monetarisierung des fertigen Films geht, dann vermute ich, dass die Finnen da ganz klassische Wege gehen werden: Kinodistribution, Verkauf an Fernsehsender international, DVD-Release. Von Sponsoring habe ich bisher nichts gehört. Um die Produktion zu finanzieren werden vermutlich sowohl Filmfördertöpfe als auch andere Branchen-übliche Finanzierungsinstrumente genutzt werden. Ich würde mal tippen, dass beispielsweise Geld über die “Kriegsanleihen” und vorab verkaufte Merchandising-Produkte dagegen eher einen sehr geringen Teil des Produktionsbudgets finanzieren werden.

So weit wie ich das verfolgen konnte, ist es wirklich vor allem das Marketing und der Aufbau der Fanbasis, wo sie neue Wege beschreiten. Crowdfunding oder ähnliches sind nicht wirklich Teil der Finanzierungsstrategie, soweit mir bekannt ist.

Beantwortet das die Frage oder ging es eher um die Monetarisierung anderer Bereiche?

Jennifer schrieb diesen Kommentar am 1. Mai 2010 um 21:23

Auf jeden Fall sehr lesenswert!

Satellite schrieb diesen Kommentar am 2. Februar 2011 um 18:28

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