Digital Film Camp 2012, Berlin

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Crowdfunding ist in Europa gelandet  – wie üblich, bei allem was digital und internetzig ist, mit einigen Jahren Verspätung im Vergleich zu Nordamerika, aber es ist jetzt hier. Das ist das wichtigste Fazit des Digital Film Camp 2012 in Berlin, das am 14. und 15. Februar in der HomeBaseLounge stattfand.
Ich denke – und mein Eindruck war, das ging den anderen Teilnehmern des Camps auch so-, dass Crowdfunding nicht nur ein kurzer Zwischenstopp sein wird, sondern den Beginn der zweiten Phase der Digitalisierung der Filmbranche markiert: Die Digitalisierung der Produktionsprozesse ist weitestgehend abgeschlossen und zur Normalität geworden. Jetzt werden die partizipativen Strukturen des sozialen Netzes die Finanzierung und Vermarktung von Filmen nachhaltig verändern. Damit fängt der Spaß richtig an, denn wo das Geld ist, ist bekanntlich auch die Macht! Oder um es mit Gregory Vincent, Gründer von Sponsume zu sagen:

“Crowdfunding challenges the established processes and power structures in the filmindustry. It is disruptive as it gives the public the power (and not a studioboss) to decide which films get made and which do not.”

Wohin die Reise noch gehen kann, zeigt der Vergleich mit den USA: Kickstarter hat just in dieser Woche zwei Projekte vermelden können, die mehr als – ich muss das jetzt mal ausschreiben – eine Million Dollar, also 1.000.000$ eingeworben haben. So hoch hängt die Latte nun. Nachfolgend meine Lieblingserkenntnisse von den zwei Tagen und noch ein paar nützliche Links zum Dessert.

Zahlen rund um Crowdfunding in Europa

  1. Nur knapp die Hälfte aller Projekte auf den diversen Crowdfunding-Plattformen sind erfolgreich.
  2. Die erfolgreichen erhalten fast immer mehr, als sie als Ziel angaben.
  3. Der durchschnittliche Unterstützer gibt phänomenale 80-90€.
  4. Innerhalb der ersten 10-15 Sekunden des Pledgevideos entscheiden sich potentielle Unterstützer, ob sie sich über das Projekt genauer informieren oder nicht.
  5. Die Bearbeitungsgebühren der Crowdfunding-Plattformen können sich mit denen von Investmentfonds messen (Gesamtgebühren für Plattform und die Zahlungsabwicklung): Kickstarter 8,5%, Indiegogo: 12%, deutsche Plattformen: 0-10%.
  6. Laut Wolfgang gibt es 7 Filme auf der Berlinale, die z.T. durch Crowdfunding finanziert sind.
  7. Man kann nie das gesamte Budget für einen Film über Crowdfunding einwerben, in den USA sind es laut Adam um die 15%. Europäische Vergleichszahlen wurden beim Camp leider nicht genannt.
  8. Auf dieser Seite des Atlantik sind 5.000 bis 30.000 € für ein Filmprojekt realistisch. Der Film zur Band Jazzanova hat sich ein ambitioniertes Ziel von 70.000€ gesetzt. Das soll laut Produzent Mark Dare Schmiedel ein Statement sein. Mit einer hoffentlich erfolgreichen Kampagne wollen er und das Team nachfolgenden Filmemachern diesen Weg des Crowdfundings ebenen und erleichtern.
  9. Matthew konnte für etwa 75% seiner Unterstützer identifizieren, wie, vor allem durch wen, die auf das Projekt aufmerksam gemacht wurden. Bei 25%, darunter einige 250$-Spenden, konnte er das nicht.
  10. Wer in Deutschland eine DVD als Gegenleistung für die Unterstützung anbietet, muss beachten, dass dafür 19% Märchensteuer anfallen. Grundsätzlich wies Karsten darauf hin, dass die Finanzämter noch überhaupt keinen geregelten Umgang mit Crowdfunding haben.

Tipps aus der Praxis: Eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne planen und umsetzen

  1. Video: Man braucht ein Video für die Kampagnen-Seite auf der Crowdfunding-Plattform.
  2. No Trailer: Das sollte kein Trailer sein, sondern…
  3. Yours truly: Die Filmemacher müssen darin höchtselbst auftreten und erklären, warum sie diesen Film machen wollen, wofür das Geld verwendet werden soll. An diesem Punkt führt kein Weg vorbei, darin waren sich beim Camp alle einig. Die Filmemacher müssen also vor die Kamera, um von der “Crowd” das Vertrauen zu erhalten, damit sie ihnen auch ihr Geld gibt.
  4. eine digitale Heimat: Man sollte nur auf einer Plattform sammeln, nicht auf mehreren gleichzeitig. Ein einziger Link am Ende der Nachrichten (eMail, Facebook, Twitter, Youtube etc.) führt dann die potentiellen Unterstützer auf die Kampagnen-Seite.
  5. Werkzeugkasten: für eine gute Kampagne – und das kann je nach Projekt angepasst und ergänzt werden:
    +++ Eine gute Kampagnenseite auf einer Crowdfunding-Plattform mit Pledgevideo und regelmäßigen Updates.   +++  Ein gut geschriebenes, mindestens alle 2 Tage aktualisiertes Blog.   +++  Regelmäßige Video-Updates über Youtube.   +++  Aktive Facebook-Seite.   +++  Aktiver Twitter-Account.   +++  Ggf. Pressemeldungen – diese erst versenden, wenn man schon die ersten Unterstützer bei FB, Twitter und auch Unterstützer für die Kampagne selbst hat.   +++  In allen Materialien (Videos, Texte etc.) sollten die Filmemacher direkt in Erscheinung treten oder mindestens spürbar sein.
  6. Kampagnen-Länge: Die Meinungen gingen beim Camp auseinander, was die beste Länge für eine Kampagne ist. Mir schien es am einleuchtesten, dass die Kampagnen nicht zu lang sein sollten, da alle die gleichen Phasen durchlaufen: Anfangsaktivität, gaaaaanz lange Talsohle, Endspurt, wo die meisten Gelder zusammenkommen. Adam empfohl 45 Tage.
  7. Der frühe Vogel…: Kennt man Leute, die einen auf jeden Fall unterstützen werden, so sollte man diese bitten, innerhalb des ersten Tages der Kampagne zu unterstützen. Wünschenswert sind 10-15 Leute innerhalb der ersten 12 Stunden, etwa 20 innerhalb des ersten Tages.
  8. Arbeitsaufwand: Matthew und Claudia berichteten übereinstimmend, dass sie als Hauptverantwortliche ihrer jeweiligen 75-Tage dauernden Kampagnen das Äquivalent von etwa 4-5 Wochen Vollzeiteinsatz reingesteckt haben (plus Vor- & Nachbereitungszeit und die Arbeitszeit von noch mehreren anderen Personen).
  9. Gaaanz viele Mails: Matthew hat vor allem eine gezielte Email-Kampagne gemacht: Innerhalb der ersten 4 Wochen alle Kontakte persönlich (nicht per Massenmail!) angeschrieben und das Projekt beschrieben. Nach etwa 2 Wochen eine Erinnerung, nach weiteren zwei Wochen nur die knappe Aufforderung, sich doch bitte zumindest den Trailer anzuschauen. Insgesamt habe er etwa 2000 Mails geschrieben.
  10. Transparenz: Claudia, die 8000€ für die Erstellung von vier 35mm-Filmkopien und DVDs sammelte, hat ausführlich und sehr transparent die technischen Notwendigkeiten und Kosten im Laufe ihrer Kampagne dargestellt. Besonders gut wirkte ein Video, in dem sie eines der Kinos vorstellte, in dem der Film dann laufen sollte. Das (gehaltene) Versprechen hieß, dass zwei Wochen nach erfolgreichem Abschluss der Kampagne der Film in den genannten Kinos zu sehen sei.
  11. Ansporn: Matthew hat 14.000€ für die Postproduktion seines Spielfilms gesammelt und die technischen Hintergründe dafür nicht genauer erklärt, da diese für Branchen-Externe zu komplex gewesen wären. Besonders gut hat bei ihm gewirkt, dass er einen privaten Investor gefunden hat, der versprach, die in der letzten Woche eingegangenen Geldzusagen um den gleichen Betrag zu ergänzen. So wussten die Unterstützer, dass ihre Spende verdoppelt würde, das war ein guter Anreiz für den Endspurt.
  12. Connecten: Wichtig ist, etwas zu finden für die Kampagne, dass für jeden nachvollziehbar ist. Bei Felipe waren es die 3.000€ teuren Musikrechte am Rocky-Theme. Jeder kennt es, jeder kann sich vorstellen, wie gut das in einem Film wirkt. Für das Bud-Spencer-Movie wurde für die Kosten der Tour zu den Fans gesammelt, die Macher haben ausschließlich bei den Fans übernachtet.
  13. Scheitern: Karsten berichtete auch von Leuten, die bei der ersten Kampagne ihr Ziel nicht erreichten, eine eingehende Fehleranalyse machten, mit diesen Fehlern offen umgingen und dann beim zweiten Anlauf das Ziel erreichten.

Wer selber noch mal nachlesen oder reinhören möchte in das Digital Film Camp 2012, der findet

Zum Schluss noch ein DICKES Danke an die Veranstalter, Referenten und Referentinnen und das tolle Publikum, war ein sehr gelungenes Camp genau zum richtigen Zeitpunkt!

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